
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kennst die zentralen ethischen Prinzipien der psychedelischen Begleitung Du verstehst Machtdynamiken in asymmetrischen Beziehungen und kannst verantwortungsvoll damit umgehen Du kannst informierte Zustimmung als Prozess — nicht als Formular — beschreiben und umsetzen
Warum Ethik keine Option ist
In der psychedelischen Begleitung sind ethische Leitlinien keine „nice-to-haves". Sie sind das Fundament, ohne das alles andere zusammenbricht.
Warum? Weil psychedelische Erfahrungen Menschen in einen Zustand extremer Verletzlichkeit versetzen. Die normalen Schutzschichten — das soziale Selbst, die rationalen Abwehrmechanismen, die emotionalen Mauern — lösen sich auf. Was bleibt, ist der nackte Mensch. Verletzlich, offen, beeinflussbar.
In diesem Zustand ist das Potenzial für Heilung enorm. Aber das Potenzial für Schaden ebenso. Und die Verantwortung dafür trägst du als Facilitator.
Machtdynamiken
Du hältst immer mehr Macht
Vergiss das nie. Egal wie egalitär du dich gibst, egal wie sehr du den anderen als gleichwertig behandelst — in der Facilitation-Beziehung bist du der Mächtigere.
Der Mensch, den du begleitest, befindet sich in einem verletzlichen Zustand. Er hat sich dir anvertraut. Er hat einen Teil seiner Kontrolle abgegeben. In diesem Kontext bist du nicht „einfach ein Mensch unter Menschen". Du bist jemand, der Einfluss hat.
Wie sich Machtmissbrauch einschleicht
Machtmissbrauch beginnt selten mit böser Absicht. Er beginnt mit:
- „Ich weiß, was am besten für dich ist"
- „Du brauchst mich, um diese Erfahrung zu machen"
- „Ich bin der Einzige, der dich wirklich versteht"
- Subtiles Überschreiten von Grenzen, die nicht sofort als solche erkannt werden
- Schaffen von Abhängigkeiten durch übermäßige Nachbetreuung
Gegenmaßnahmen
- Regelmäßige Supervision — jemand, der dir einen Spiegel vorhält
- Bewusstes Arbeiten an Demut: Du bist nicht unersetzlich
- Transparenz: Erkläre immer, was du tust und warum
- Empowerment: Dein Ziel ist immer, dass der Mensch ohne dich auskommt
Informierte Zustimmung
Informierte Zustimmung ist mehr als ein Formular, das jemand unterschreibt. Es ist ein Prozess. Ein fortlaufendes Gespräch. Eine Kultur der Transparenz.
Was informierte Zustimmung beinhaltet
Der Mensch muss vor der Erfahrung verstehen:
- Was passieren wird: Den Ablauf, die Phasen, die ungefähre Dauer
- Was passieren könnte: Mögliche Wirkungen, auch unangenehme — Angst, Übelkeit, Kontrollverlust, schwieriges psychisches Material
- Deine Rolle: Was du tust und was du nicht tust
- Deine Qualifikation: Was du bist und was du nicht bist
- Risiken: Ehrlich und vollständig, ohne zu dramatisieren oder zu verharmlosen
- Alternativen: Es gibt andere Wege der Selbsterfahrung; dies ist nicht der einzige
- Das Recht zu stoppen: Jederzeit, ohne Rechtfertigung
- Vertraulichkeit: Was geteilt wird, bleibt vertraulich — mit den Grenzen, die das Gesetz setzt
Zustimmungsfähigkeit
Ein Mensch unter dem Einfluss einer psychoaktiven Substanz kann keine gültige Zustimmung geben. Alles, was du während der Erfahrung vorschlägst oder initiierst, geschieht ohne echte Zustimmungsfähigkeit des anderen.
Das bedeutet: Alle wichtigen Vereinbarungen — über körperliche Berührung, über den Rahmen, über Grenzen — werden vor der Erfahrung getroffen. Während der Erfahrung arbeitest du innerhalb dieses vorab vereinbarten Rahmens.
Sexuelle Ethik
Hier gibt es null Spielraum.
Die Regel
Keine sexuellen Handlungen. Keine sexuellen Anspielungen. Keine romantischen Beziehungen. Nicht während der Begleitung. Nicht danach. Nicht jemals mit jemandem, den du in diesem Kontext kennengelernt hast.
Warum so absolut?
Weil die Machtdynamik nie ganz verschwindet. Weil Übertragung und Gegenübertragung reale psychologische Phänomene sind. Weil ein Mensch, der sich dir in einem veränderten Bewusstseinszustand anvertraut hat, für immer eine besondere Beziehung zu dir hat — eine, die durch sexuelle oder romantische Elemente korrumpiert wird.
Was, wenn Gefühle entstehen?
Übertragung ist normal. Dass jemand Gefühle für seinen Facilitator entwickelt, ist vorhersehbar und kein Zeichen von Schwäche. Es ist deine Verantwortung, damit professionell umzugehen:
- Benenne es offen und wertschätzend
- Erkläre das Phänomen der Übertragung
- Verweise an einen Therapeuten, wenn nötig
- Beende die Begleitungsbeziehung, wenn die Dynamik die Arbeit beeinträchtigt
Finanzielle Ethik
Transparenz
Deine Preise sind klar und nachvollziehbar. Keine versteckten Kosten. Keine nachträglichen Aufschläge. Keine Preise, die sich „nach Gefühl" ändern.
Keine Ausbeutung
Du nutzt den veränderten Bewusstseinszustand nicht, um Menschen zu weiteren kostenpflichtigen Sessions zu überreden. Du schaffst keine Abhängigkeit, um dein Einkommen zu sichern.
Zugang
Idealerweise hast du ein Modell, das auch Menschen mit weniger finanziellen Mitteln den Zugang ermöglicht — Gleitskalen, Stipendien, Solidarplätze.
Bestehende ethische Rahmenwerke
Du musst das Rad nicht neu erfinden. Es gibt bereits ausgearbeitete ethische Rahmenwerke, die du als Orientierung nutzen kannst:
- MAPS Ethical Guidelines: Entwickelt im Kontext der MDMA-Forschung, sehr gründlich und praxisnah
- Chacruna Ethics: Speziell für den Umgang mit indigenem Wissen und kultureller Sensibilität
- ATMA Code of Ethics: Aus Kanada, mit Fokus auf psychedelisch unterstützte Arbeit
Lies sie. Diskutiere sie in deiner Peer-Gruppe. Nimm sie als Ausgangspunkt für dein eigenes ethisches Framework.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass ethische Verstöße in psychedelischen Settings — insbesondere sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch — deutlich häufiger vorkommen als öffentlich bekannt. Die Psychedelic Community muss ethische Standards nicht als Bürokratie verstehen, sondern als lebensnotwendigen Schutz.
Nickles et al., 2021
Übung
Reflexionsübung:
Erinnere dich an eine Situation, in der jemand Macht über dich hatte — ein Lehrer, ein Chef, ein Arzt. Wie hat es sich angefühlt? Was hättest du dir gewünscht?
Jetzt dreh die Perspektive um: In welchen Momenten hast du Macht über andere — und wie gehst du damit um?