
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kannst die häufigsten Typen schwieriger Erfahrungen erkennen und unterscheiden Du weißt, welche Interventionen bei welchem Typ angemessen sind — und welche kontraproduktiv Du verstehst, warum nicht jedes Unbehagen eine Intervention braucht Du kennst den Grundsatz „Trust, let go, be open" und kannst ihn in der Begleitung anwenden
„Bad Trip" — ein Begriff, den wir nicht verwenden
In der Popkultur gibt es den „Bad Trip": eine furchtbare psychedelische Erfahrung, die man vermeiden will und die nichts Gutes bringt. Wir verwenden diesen Begriff nicht — und das hat einen guten Grund.
Wenn wir von einem „Bad Trip" sprechen, implizieren wir: Diese Erfahrung ist schlecht. Sie sollte nicht passieren. Etwas ist schiefgelaufen.
Die Realität ist komplexer. Schwierige Erfahrungen — Angst, Trauer, Kontrollverlust, existenzieller Schrecken — sind oft die transformativsten. Sie sind nicht angenehm. Sie fühlen sich nicht gut an. Aber sie sind nicht per se schlecht. Sie sind Teil des Spektrums menschlicher Erfahrung, verstärkt und verdichtet durch die Substanz.
Deshalb sprechen wir von schwierigen oder herausfordernden Erfahrungen — nicht von schlechten. Diese Sprache ist nicht Schönfärberei. Sie ist eine bewusste Haltung: Alle Erfahrungen sind willkommen. Alle Erfahrungen haben Potenzial. Und dein Job als Facilitator ist nicht, schwierige Erfahrungen zu verhindern, sondern sie sicher zu begleiten.
Die häufigsten Typen schwieriger Erfahrungen
1. Ego-Auflösung und Todesangst
Was es ist: Die Person erlebt den Verlust der gewohnten Identität. Das Ich löst sich auf. Das fühlt sich an wie Sterben — und die Angst ist real, auch wenn keine physische Gefahr besteht.
Wie es aussieht: Panische Aussagen wie „Ich sterbe!", „Ich werde verrückt!", „Ich komme nicht zurück!" Schnelle Atmung, Unruhe, Griff nach Halt (deine Hand, eine Decke, der Boden).
Was du tust:
- Bleibe absolut ruhig — deine Ruhe ist die wichtigste Intervention
- Bestätige die Erfahrung: „Ich höre dich. Das fühlt sich real an."
- Biete Grounding: „Spür deine Füße. Spür meine Hand."
- Sage NICHT: „Du stirbst nicht wirklich" (das weiß der rationale Teil — aber der ist gerade offline)
- Wenn die Person es zulassen kann: sanft erinnern an „lass los" — aber nur, wenn sie aufnahmefähig ist
Was du NICHT tust: Nicht argumentieren, nicht rationalisieren, nicht beruhigen durch Erklärungen. Die Person braucht keine Informationen — sie braucht Sicherheit.
2. Emotionale Überflutung
Was es ist: Unkontrollierbares Weinen, Wut, Trauer, Terror. Emotionen, die plötzlich in voller Intensität aufbrechen — oft lange unterdrückte Gefühle, die jetzt Raum finden.
Wie es aussieht: Schluchzen, Schreien, Heulen. Körperliche Manifestationen: Zittern, Beben, Zusammenkrümmen. Manchmal abrupte Stimmungswechsel.
Was du tust:
- Halte den Raum. Lass die Emotionen fließen, ohne sie zu stoppen
- Benenne leise: „Da ist viel Trauer" oder „Da will viel raus"
- Biete Halt an: „Darf ich deine Hand halten?"
- Erinnere an den Atem: „Atme. Du bist sicher."
- Zeige durch deine Anwesenheit: Diese Emotionen sind willkommen
Was du NICHT tust: Nicht trösten im Sinne von „Ist schon gut" — denn vielleicht ist es nicht „gut", und das ist okay. Nicht versuchen, die Person zum Aufhören zu bringen. Nicht die Tränen abwischen (es sei denn, sie fragt darum).
3. Paranoia und Misstrauen
Was es ist: Die Person entwickelt Misstrauen — gegenüber dem Setting, anderen Teilnehmern, oder dir als Facilitator. Sie fühlt sich beobachtet, manipuliert oder in Gefahr.
Wie es aussieht: Misstrauische Blicke. „Was habt ihr mir gegeben?" „Warum schaust du mich so an?" Rückzug, Abwehr, Weigerung, die Augen zu schließen. Manchmal aggressive Sprache.
Was du tust:
- Bleibe transparent: „Ich bin [dein Name], dein Facilitator. Du hast [Substanz] eingenommen."
- Gib Raum: Rücke etwas zurück, reduziere Blickkontakt
- Sprich klar und einfach, keine langen Erklärungen
- Biete Kontrolle an: „Möchtest du, dass ich weiter weg sitze?" „Möchtest du allein sein? Ich bin vor der Tür."
- Validiere: „Ich verstehe, dass du dich unsicher fühlst. Das ist in Ordnung."
Was du NICHT tust: Nicht einengen, nicht über die Person reden (auch nicht flüsternd mit Co-Facilitator in Hörweite), nicht insistieren. Keinen Blickkontakt erzwingen.
4. Somatischer Distress
Was es ist: Übelkeit, Schmerzen, körperliches Unbehagen, das Gefühl, der Körper sei „falsch" oder „fremd". Manchmal intensive Hitze oder Kälte.
Wie es aussieht: Würgen, Stöhnen, Greifen nach dem Bauch oder Kopf. Unruhe, ständiges Positionswechseln.
Was du tust:
- Praktische Hilfe: Eimer bereitstellen, kühlen Lappen anbieten, Fenster öffnen
- Normalisiere: „Übelkeit kann vorkommen. Das geht vorüber."
- Positionswechsel anbieten: Seitenlage bei Übelkeit
- Bei Kälte: Decke und warme Socken
Was du NICHT tust: Nicht dramatisieren, nicht übermäßig besorgt wirken. Körperliches Unwohlsein ist häufig und in der Regel nicht gefährlich.
5. Trauma-Wiedererfahrung
Was es ist: Die Person durchlebt traumatische Erinnerungen — visuell, emotional oder als Körpererinnerung (Body Memory). Manchmal tauchen Erinnerungen auf, die lange verdrängt waren.
Wie es aussieht: Plötzliches Zusammenzucken, Erstarren, Wegtreten. Die Person scheint in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort zu sein. Möglicherweise Aussagen wie „Nein!", „Hör auf!", die sich nicht auf die aktuelle Situation beziehen.
Was du tust:
- Erkenne, dass die Person möglicherweise nicht im Hier und Jetzt ist
- Gentle Grounding: „[Name], du bist hier. Du bist bei [Ort]. Es ist [Jahr]."
- Biete Sicherheit: „Was immer das ist — es ist vorbei. Du bist jetzt sicher."
- Bleibe ruhig und konstant — du bist der Anker in der Realität
- Nach dem akuten Moment: Frage, ob die Person sprechen möchte — aber dränge nicht
Was du NICHT tust: Nicht nach Details fragen. Nicht versuchen, die Erinnerung „aufzulösen" — das ist Arbeit für qualifizierte Fachpersonen in einem nicht-psychedelischen Setting. Nicht berühren ohne Consent — besonders bei Trauma kann Berührung retraumatisierend wirken.
6. Gedankenkreise (Thought Loops)
Was es ist: Die Person ist gefangen in repetitiven Gedankenmustern. Derselbe Gedanke, dasselbe Bild, dasselbe Gefühl — wieder und wieder, ohne Ausweg.
Wie es aussieht: Wiederholung derselben Sätze. „Ich kann nicht aufhören zu denken." „Es hört nicht auf." Frustration, wachsende Panik.
Was du tust:
- Unterbrich den Loop sanft mit einer sensorischen Veränderung: Musik wechseln, Raum verändern, kaltes Wasser anbieten
- Umlenke die Aufmerksamkeit: „Spür mal deine Füße. Beschreib mir, was du fühlst."
- Wenn möglich: Positionswechsel — aufsitzen, stehen, den Raum wechseln
- Humor kann helfen — aber nur, wenn die Beziehung es trägt und der Moment es erlaubt
Was du NICHT tust: Nicht mitkreisen. Nicht auf den Inhalt der Gedanken eingehen — der Inhalt ist irrelevant, das Muster ist das Problem.
Wann schwierig die Erfahrung selbst ist
Nicht jedes Unbehagen braucht eine Intervention. Manchmal IST das Schwierige genau das, was passieren muss. Trauer, die sich entlädt. Angst, die sich auflöst. Wut, die Raum bekommt.
Dein Urteilsvermögen als Facilitator liegt darin, zu unterscheiden: Ist diese Person in Not und braucht Hilfe? Oder ist diese Person in einem tiefen, schwierigen, aber sicheren Prozess?
Die Leitfrage ist immer: Ist die Person sicher? Wenn ja — halte den Raum. Wenn nein — handle.
Der Leitsatz von Ram Dass fasst es zusammen: „Trust, let go, be open." Vertraue dem Prozess. Lass los. Sei offen für das, was kommt — auch wenn es schwer zu ertragen ist.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Bei anhaltenden psychischen Belastungen nach einer Erfahrung wende dich an eine qualifizierte Fachperson.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass sogenannte „challenging experiences" in psychedelischen Settings nicht zwangsläufig zu schlechteren Ergebnissen führen.
Barrett et al. (2016) fanden in einer Studie mit über 1.800 Teilnehmern, dass viele derjenigen, die eine besonders schwierige Erfahrung berichteten, diese rückblickend als eine der bedeutsamsten und lehrreichsten ihres Lebens bewerteten — vorausgesetzt, angemessene Begleitung war vorhanden.
Übung
Übung — Rollenspiel:
Übe mit einer Partnerperson verschiedene schwierige Erfahrungstypen. Einer spielt die teilnehmende Person (Angst, Weinen, Gedankenkreisel), der andere begleitet. Wechselt nach 10 Minuten.
Besprecht danach: Was hat geholfen? Was hat gestört? Was war überraschend? Dokumentiere deine Erkenntnisse in deinem Ausbildungsjournal.