
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kennst das Tuckman-Modell und kannst die vier Phasen der Gruppenentwicklung in deiner Arbeit erkennen Du verstehst die Bedeutung von Gruppengröße, Alpha/Beta-Dynamiken und Projektionsprozessen Du weißt, wie du als Facilitator positioniert bleibst, ohne die Gruppe unbewusst zu dominieren Du erkennst Sündenbock-Dynamiken frühzeitig und kannst ihnen entgegenwirken
Gruppendynamik verstehen
Warum Gruppen nicht einfach funktionieren
Eine Gruppe von Individuen ist noch kein Team. Noch keine Gemeinschaft. Noch kein sicherer Raum. Gruppen durchlaufen einen Entwicklungsprozess — und diesen Prozess zu verstehen, ist eine Grundkompetenz für jeden Facilitator.
In psychedelischen Retreats wird dieser Prozess komprimiert und intensiviert. Was in anderen Kontexten Wochen dauert, geschieht hier in Stunden oder Tagen. Das macht die Arbeit mit Gruppen zugleich kraftvoller und herausfordernder.
Das Tuckman-Modell
Bruce Tuckman beschrieb 1965 vier Phasen der Gruppenentwicklung, die bis heute relevant sind:
1. Forming (Orientierung): Die Gruppe kommt zusammen. Alle sind höflich, vorsichtig, beobachtend. Wer sind die anderen? Was wird hier erwartet? Wo ist mein Platz? In dieser Phase suchen Teilnehmer Orientierung — bei dir als Facilitator und bei den anderen.
2. Storming (Konfrontation): Unterschiede werden sichtbar. Meinungen prallen aufeinander. Manche Teilnehmer testen Grenzen, andere ziehen sich zurück. Diese Phase fühlt sich unangenehm an — für die Gruppe und für dich. Aber sie ist unverzichtbar. Ohne Storming keine echte Kohäsion.
3. Norming (Normierung): Die Gruppe findet ihre Regeln. Nicht die formalen Regeln, die du aufgestellt hast, sondern die unausgesprochenen: Wie gehen wir miteinander um? Was ist hier erlaubt? Was nicht? In dieser Phase entsteht ein gemeinsames Verständnis.
4. Performing (Leistung): Die Gruppe arbeitet zusammen. Vertrauen ist da. Rollen sind geklärt. Die Energie fließt in den gemeinsamen Prozess statt in interne Konflikte. In einem Retreat-Kontext bedeutet das: Die Gruppe kann gemeinsam tiefe Erfahrungen tragen.
Gruppengröße — warum 6 bis 12 ideal ist
Die Größe einer Gruppe beeinflusst ihre Dynamik fundamental:
- Unter 6 Teilnehmer: Zu wenig Vielfalt. Jeder Einzelne trägt übermäßig viel Gewicht. Wenn ein Teilnehmer sich zurückzieht, ist das Gleichgewicht gestört.
- 6 bis 12 Teilnehmer: Der ideale Bereich. Genug Vielfalt für reichhaltige Dynamiken, klein genug, damit jeder gesehen und gehört werden kann.
- Über 12 Teilnehmer: Die Gruppe teilt sich natürlicherweise in Untergruppen. Einzelne werden unsichtbar. Die Intimität nimmt ab.
Für psychedelische Retreats hat sich eine Gruppengröße von 8 bis 10 Teilnehmern bewährt — mit mindestens zwei Facilitatoren.
Alpha/Beta-Dynamiken
In jeder Gruppe bildet sich eine informelle Hierarchie. Manche Teilnehmer übernehmen natürlicherweise mehr Raum (Alpha), andere ordnen sich ein (Beta). Das ist weder gut noch schlecht — es ist menschlich.
Deine Aufgabe als Facilitator:
- Erkenne die Dynamik, ohne sie zu bewerten
- Schütze den Raum für leisere Stimmen, ohne laute zu beschneiden
- Achte auf deine eigene Position — als Facilitator hast du automatisch Alpha-Status. Setze ihn bewusst ein, nicht unbewusst
Projektion in Gruppen
In intensiven Gruppensettings nehmen Projektionen zu. Teilnehmer projizieren auf andere Teilnehmer, auf dich als Facilitator, auf die gesamte Gruppe. Das ist kein Problem — es ist Material, mit dem gearbeitet werden kann.
Häufige Projektionsmuster:
- Ein Teilnehmer wird unbewusst zur „Mutter" oder zum „Vater" der Gruppe
- Der Facilitator wird zum allwissenden Guru oder zum kontrollierenden Elternteil stilisiert
- Ein Teilnehmer wird zum Sündenbock — die Gruppe lagert unbequeme Gefühle an ihn aus
Sündenbock-Dynamiken erkennen
Die Sündenbock-Dynamik ist eine der gefährlichsten Gruppenprozesse. Sie funktioniert so: Die Gruppe hat ein Thema, das schwer auszuhalten ist — Angst, Wut, Scham. Statt es als Gruppe zu tragen, wird es unbewusst auf eine einzelne Person projiziert. Diese Person wird dann kritisiert, gemieden oder subtil ausgegrenzt.
Warnsignale:
- Augenkontakt der Gruppe richtet sich auffällig auf eine Person, wenn Spannung entsteht
- Mehrere Teilnehmer äußern unabhängig voneinander Unbehagen mit derselben Person
- Ein Teilnehmer wird wiederholt zum Thema gemacht, auch wenn er selbst schweigt
Deine Intervention: Benenne die Dynamik, ohne zu beschuldigen. „Ich bemerke, dass wir gerade viel über X sprechen. Ich frage mich, ob das, was uns an X beschäftigt, auch etwas mit uns als Gruppe zu tun hat." Diese Intervention verschiebt den Fokus von der Einzelperson zurück zur Gruppe.
Co-Facilitation
Ab einer Gruppengröße von 8 Teilnehmern empfiehlt sich die Arbeit zu zweit. Co-Facilitation bietet mehrere Vorteile: einer hält den Raum, während der andere interveniert. Einer beobachtet die Gruppe, während der andere mit einem Einzelnen arbeitet. Und beide können sich gegenseitig auf blinde Flecken aufmerksam machen.
Die Herausforderung: Co-Facilitation erfordert vorab Klärung — Rollen, Verantwortlichkeiten, Kommunikationswege, Umgang mit Meinungsverschiedenheiten. Ungeklärte Dynamiken zwischen Facilitatoren übertragen sich unmittelbar auf die Gruppe.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Forschungskontext
Tuckmans Modell der Gruppenentwicklung beschreibt vier Phasen — Forming, Storming, Norming, Performing —, die in nahezu jeder Gruppenarbeit auftreten. Forschung deutet darauf hin, dass Gruppen in psychedelischen Settings besonders schnell durch diese Phasen gehen können, da die emotionale Intensität den Prozess beschleunigt.
Tuckman, Psychological Bulletin, 1965; Watts et al., Lancet Psychiatry, 2017. Yalom weist darauf hin, dass die Storming-Phase häufig vermieden wird, obwohl sie für echte Gruppenkohäsion unerlässlich ist.
Übung
Reflexion:
Denke an eine Gruppe, der du angehört hast — ein Team, ein Verein, eine Wohngemeinschaft. Welche der vier Phasen (Forming, Storming, Norming, Performing) kannst du rückblickend erkennen?
Gab es eine Storming-Phase? Wenn ja, wie wurde sie gelöst — oder vermieden? Was hat das für die Gruppe bedeutet?