
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du verstehst das Konzept des „Containers" und kannst es in deiner Facilitation bewusst einsetzen Du erkennst den Unterschied zwischen Halten und Kontrollieren — und warum Präsenz dein wichtigstes Werkzeug ist Du kannst physische, energetische und psychologische Sicherheit als drei Dimensionen des Raumhaltens benennen
Was bedeutet „Raum halten"?
Der Container — mehr als eine Metapher
„Raum halten" klingt abstrakt. In der Praxis ist es das Konkreteste, was du als Facilitator tust. Du schaffst einen Container — einen Rahmen, in dem sich Menschen sicher genug fühlen, um sich zu öffnen, loszulassen und Erfahrungen zuzulassen, die sie unter normalen Umständen vermeiden würden.
Dieser Container hat drei Dimensionen:
Physischer Raum: Die tatsächliche Umgebung — Temperatur, Licht, Sauberkeit, Ordnung. Ein Raum, der chaotisch oder ungepflegt wirkt, sendet ein unbewusstes Signal: Hier achtet niemand auf Details. Ein sorgsam vorbereiteter Raum sagt: Hier wird auf dich geachtet.
Energetischer Raum: Deine eigene Verfassung als Facilitator. Bist du zentriert? Bist du innerlich ruhig? Oder bist du gestresst, abgelenkt, mit deinen eigenen Themen beschäftigt? Teilnehmer spüren das — oft bevor ein einziges Wort gesprochen wird.
Psychologischer Raum: Die unausgesprochenen Regeln, die Sicherheit schaffen. Wird hier geurteilt? Wird vertraulich behandelt, was geteilt wird? Darf ich schwach sein, ohne dass es gegen mich verwendet wird? Diese Sicherheit entsteht nicht durch Regeln an der Wand. Sie entsteht durch dein Verhalten.
Halten vs. Kontrollieren
Der häufigste Fehler neuer Facilitatoren: Sie verwechseln Halten mit Kontrollieren. Halten bedeutet, da zu sein — stabil, präsent, verankert. Kontrollieren bedeutet, den Verlauf zu steuern, Erfahrungen zu lenken, Ergebnisse zu bestimmen.
Der Unterschied ist fundamental:
- Halten: „Ich bin hier. Was auch immer kommt, ich halte den Rahmen." — Du bist der Anker, nicht der Kapitän.
- Kontrollieren: „Ich sorge dafür, dass es so läuft, wie ich es für richtig halte." — Du steuerst, und damit nimmst du dem Prozess seine Eigenintelligenz.
Psychedelische Erfahrungen haben eine Eigendynamik. Sie folgen nicht deinem Plan. Der Versuch, sie zu kontrollieren, erzeugt Widerstand — beim Teilnehmer und im Prozess selbst. Deine Aufgabe ist es, den Rahmen zu halten, in dem sich der Prozess entfalten kann.
Präsenz als primäres Werkzeug
Das wichtigste Werkzeug in deiner Facilitation ist kein Wissen, keine Technik, keine Methode. Es ist deine Präsenz. Die Fähigkeit, vollständig da zu sein — ohne Agenda, ohne den Drang, etwas zu reparieren oder zu verbessern.
Präsenz bedeutet:
- Du hörst zu, ohne bereits die Antwort zu formulieren
- Du beobachtest, ohne sofort zu interpretieren
- Du spürst die Stimmung im Raum, ohne sie verändern zu wollen
- Du hältst Stille aus, ohne sie füllen zu müssen
Dieses „Nicht-Tun" ist paradoxerweise das Anspruchsvollste, was du als Facilitator lernen kannst. Es widerspricht dem Impuls, nützlich zu sein, zu helfen, etwas beizutragen. Und genau darin liegt seine Kraft.
Der Facilitator als Anker
Stell dir einen Anker vor. Er bewegt sich nicht. Er hält das Schiff an seinem Platz, während die Wellen kommen und gehen. Er kämpft nicht gegen die Wellen. Er ist einfach da — stabil, schwer, verankert.
Das ist deine Rolle. Teilnehmer werden emotionale Wellen erleben — Freude, Angst, Trauer, Ekstase, Verwirrung. Deine Aufgabe ist nicht, diese Wellen zu glätten. Deine Aufgabe ist, der Punkt im Raum zu sein, an dem sich Stabilität finden lässt. Durch deinen Atem, deine Ruhe, deine unerschütterliche Präsenz.
Wenn ein Teilnehmer dich ansieht und in deinen Augen Ruhe findet, hast du deinen Job gemacht. Nicht durch Worte. Nicht durch Technik. Durch dein Sein.
Psychologische Sicherheit als Grundbedingung
Ohne psychologische Sicherheit kann kein tiefer Prozess stattfinden. Der Begriff stammt aus der Organisationspsychologie, aber er gilt ebenso für Retreats: Menschen öffnen sich nur dann, wenn sie sich sicher fühlen, dass ihre Verletzlichkeit nicht bestraft wird.
Wie du psychologische Sicherheit schaffst:
- Klare Vertraulichkeitsvereinbarungen zu Beginn
- Konsequentes Vorleben von Nicht-Bewertung
- Ehrliches Eingestehen eigener Unsicherheiten (dosiert und angemessen)
- Sofortiges Ansprechen von Grenzverletzungen
- Konsistenz zwischen dem, was du sagst, und dem, was du tust
Sicherheit ist kein Zustand, den du einmal herstellst. Sie muss in jedem Moment neu gehalten werden — durch jede Reaktion, jede Geste, jede Entscheidung.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Forschungskontext
Winnicott prägte den Begriff der „haltenden Umgebung" (holding environment), der beschreibt, wie ein sicherer Rahmen innere Prozesse ermöglicht, ohne sie zu steuern.
Winnicott, „The Maturational Processes and the Facilitating Environment", 1965. Forschung deutet darauf hin, dass die Qualität des Settings — einschließlich der Präsenz der Begleitperson — einen wesentlichen Einfluss auf den Verlauf psychedelischer Erfahrungen hat (Carhart-Harris et al., Psychopharmacology, 2018).
Übung
Übung:
Setze dich für zehn Minuten in einen leeren Raum. Tu nichts. Beobachte, was in dir passiert — den Impuls, etwas zu tun, zu planen, zu gestalten.
Notiere danach: Was war leicht am Nichtstun? Was war schwer? Genau diese Spannung ist das Zentrum des Raumhaltens.