
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kannst zwischen normaler Nervosität und pathologischen Zuständen unterscheiden Du weißt, wie du verantwortungsvoll nach Traumaerfahrungen und Suizidalität fragst Du erkennst, wann eine professionelle Freigabe vor der Teilnahme erforderlich ist
Jenseits der medizinischen Anamnese
Die medizinische Anamnese deckt die körperliche Seite ab. Aber psychedelische Erfahrungen sind primär psychologische Ereignisse. Der Körper ist beteiligt, ja — aber was wirklich passiert, geschieht im Inneren: in der Psyche, in den Emotionen, in den Erinnerungen und Mustern, die ein Mensch mitbringt.
Deshalb ist das psychologische Screening mindestens genauso wichtig wie die medizinische Anamnese. Und es ist in vielerlei Hinsicht schwieriger — weil psychische Zustände weniger greifbar sind, weil Menschen sie oft selbst nicht vollständig verstehen und weil das Gespräch darüber Verletzlichkeit erfordert.
Normale Nervosität vs. pathologische Zustände
Fast jeder, der vor einer psychedelischen Erfahrung steht, hat Angst. Das ist normal. Gesund sogar. Es zeigt Respekt vor der Erfahrung und ein Bewusstsein dafür, dass etwas Bedeutsames bevorsteht.
Deine Aufgabe ist es, zwischen normaler, gesunder Aufregung und klinisch relevanter Angst zu unterscheiden:
Normale Aufregung:
- „Ich bin nervös, aber auch neugierig."
- „Ich weiß nicht genau, was mich erwartet — das macht mir ein bisschen Angst."
- Die Person kann trotz der Nervosität klar denken, Fragen beantworten und ist im Kontakt.
Klinisch relevante Angst:
- Panikattacken in den Wochen vor dem Retreat
- Schlaflosigkeit, die über normale Aufregung hinausgeht
- Katastrophisierendes Denken, das nicht durch Gespräch beruhigt werden kann
- Vermeidungsverhalten (die Person hat sich angemeldet, aber macht immer wieder Rückzieher)
Bei klinisch relevanter Angst ist nicht automatisch eine Absage nötig — aber ein tieferes Gespräch und möglicherweise eine Empfehlung, vorher mit einem psychologischen Fachmann zu sprechen.
Aktueller psychischer Zustand
Frag nicht nur nach der Vorgeschichte — frag nach dem Jetzt. Menschen können eine stabile Vorgeschichte haben, aber sich gerade in einer akuten Krise befinden. Und umgekehrt: Jemand mit einer komplexen Vorgeschichte kann sich gerade in einer Phase der Stabilität befinden.
Hilfreiche Fragen:
- „Wie geht es dir gerade — ehrlich?"
- „Gibt es aktuell Dinge in deinem Leben, die dich stark belasten?"
- „Wie sieht dein Alltag momentan aus — Arbeit, Beziehungen, Schlaf?"
- „Hast du aktuell professionelle Unterstützung — Coaching, psychologische Begleitung?"
Achte nicht nur auf die Worte, sondern auch auf das Wie: Wie ist der Augenkontakt? Wie ist die Stimmlage? Wie ist die emotionale Kohärenz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was du wahrnimmst?
Traumaerfahrungen: Warum sie relevant sind
Trauma ist ein großes Wort, und es bedeutet für verschiedene Menschen Verschiedenes. Für die Facilitation ist relevant:
Warum Trauma wichtig ist: Psychedelische Erfahrungen können traumatische Erinnerungen an die Oberfläche bringen — manchmal unerwartet, manchmal mit großer Intensität. Eine Person, die verdrängte Trauma-Erinnerungen hat, kann während einer Sitzung Flashbacks, extreme Angst oder dissoziative Zustände erleben.
Wie du danach fragst: Du fragst nicht: „Bist du traumatisiert?" Das ist zu direkt, zu klinisch, und die meisten Menschen würden nicht wissen, wie sie darauf antworten sollen.
Stattdessen:
- „Gibt es Erlebnisse in deiner Vergangenheit, die dich besonders geprägt haben — positiv oder negativ?"
- „Hast du Erfahrungen gemacht, die für dich emotional noch unverarbeitet fühlen?"
- „Gibt es Themen, von denen du weißt, dass sie intensiv werden könnten, wenn sie hochkommen?"
Du musst nicht die Details kennen. Du musst wissen, ob da etwas ist — und ob die Person stabil genug ist, um damit umzugehen, wenn es auftaucht.
Suizidalität: Wie du fragst, wann du eskalierst
Dies ist einer der wichtigsten und gleichzeitig angstauslösendsten Bereiche im Screening. Viele Facilitators scheuen sich, nach Suizidalität zu fragen — aus Angst, die falsche Frage zu stellen, oder aus der irrigen Annahme, dass das Fragen nach Suizidalität Suizidgedanken auslösen könnte.
Die Forschung ist hier eindeutig: Nach Suizidalität zu fragen löst keine Suizidgedanken aus. Im Gegenteil — Menschen fühlen sich oft erleichtert, wenn jemand direkt und einfühlsam fragt.
Wie du fragst:
- „Hattest du in den letzten Monaten Gedanken, dass du nicht mehr leben möchtest?"
- „Hast du jemals einen Suizidversuch unternommen?"
- „Gibt es aktuell Momente, in denen du das Gefühl hast, es wäre besser, nicht mehr da zu sein?"
Wann du eskalierst:
- Wenn die Person aktuell aktive Suizidgedanken hat: Keine Teilnahme. Verweis an professionelle Hilfe. Sofort.
- Wenn die Person in der Vergangenheit Suizidversuche hatte, aber aktuell stabil ist: Einzelfallentscheidung, idealerweise mit ärztlicher oder psychologischer Freigabe.
- Wenn du dir unsicher bist: Im Zweifel immer auf der Seite der Sicherheit entscheiden.
Hab immer Notfallnummern griffbereit: Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Krisentelefon, lokale psychiatrische Notaufnahme.
Persönlichkeitsstörungen: Awareness, nicht Diagnose
Du stellst keine Diagnosen. Das ist nicht deine Rolle, und es wäre anmaßend, es zu versuchen. Aber du kannst und solltest auf bestimmte Muster achten:
- Emotionale Instabilität: Starke Stimmungsschwankungen im Gespräch, Idealisierung gefolgt von Abwertung
- Schwierigkeiten in Beziehungen: Muster von Konflikten, Abbrüchen, extremer Abhängigkeit
- Impulsivität: Spontane Entscheidungen ohne Rücksicht auf Konsequenzen
- Dissoziation: Momente, in denen die Person „abwesend" wirkt oder sich nicht an Teile des Gesprächs erinnert
Diese Muster sind keine Diagnose. Aber sie sind Hinweise darauf, dass eine psychedelische Erfahrung besonders herausfordernd werden könnte und dass du möglicherweise zusätzliche Vorkehrungen treffen oder eine professionelle Einschätzung einholen solltest.
Wann du professionelle Freigabe einfordern solltest
Es gibt Situationen, in denen du als Facilitator nicht allein entscheiden solltest. Fordere eine schriftliche Freigabe eines Arztes oder psychologischen Fachmanns, wenn:
- Die Person eine diagnostizierte psychische Erkrankung hat (insbesondere Bipolare Störung, Psychosegeschichte, schwere PTBS)
- Die Person aktuell Psychopharmaka einnimmt
- Du im Gespräch den Eindruck hast, dass etwas „nicht stimmt", auch wenn du es nicht benennen kannst — vertraue deiner Intuition
- Die Person eine komplexe Traumageschichte hat und aktuell keine professionelle Begleitung hat
Die Freigabe ersetzt nicht dein eigenes Urteil — sie ergänzt es. Und sie schützt sowohl die teilnehmende Person als auch dich.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Psychologisches Screening durch Facilitators ist keine klinische Diagnostik.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass Personen mit unverarbeiteten Traumata unter psychedelischem Einfluss sowohl besonders tiefgreifende als auch besonders herausfordernde Erfahrungen machen können.
Roseman et al., 2018 — Emotionale Durchbrüche während Psilocybin-Sitzungen korrelierten mit besseren therapeutischen Ergebnissen — aber nur, wenn angemessene Unterstützung vorhanden war.
Übung
Journalübung:
Schreib auf, welche psychologischen Themen dir in einem Screening-Gespräch am schwersten fallen würden zu besprechen. Warum? Was bräuchtest du, um diese Gespräche souverän führen zu können?
Ehrliche Selbstreflexion ist die Grundlage für kompetentes Screening.