
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kannst einen mehrstufigen Screening-Prozess von der Bewerbung bis zum Assessment gestalten Du weißt, wie du Absagen mitfühlend und klar kommunizierst Du verstehst die Bedeutung von Dokumentation und sicherer Datenspeicherung im Screening
Vom Einzelgespräch zum System
Bisher haben wir über die Inhalte des Screenings gesprochen — welche Fragen du stellst, worauf du achtest, welche Medikamente relevant sind. In dieser Lektion geht es um den Prozess: Wie baust du ein Screening-System auf, das gründlich, effizient und menschlich ist?
Ein guter Screening-Prozess ist wie ein Trichter: Er beginnt breit und wird mit jeder Stufe spezifischer. Nicht jede Person muss jede Stufe durchlaufen — manche Fragen klären sich früh, andere erfordern vertiefte Gespräche.
Das Drei-Stufen-Modell
Stufe 1: Bewerbungsformular (schriftlich)
Die erste Stufe ist ein strukturiertes Bewerbungsformular, das die Person online oder auf Papier ausfüllt. Dieses Formular hat drei Funktionen:
- Information sammeln: Grundlegende medizinische und psychologische Daten
- Reflexion fördern: Die Person denkt aktiv über ihre Motivation und Bereitschaft nach
- Vorauswahl ermöglichen: Offensichtliche Kontraindikationen werden früh erkannt
Was das Formular enthalten sollte:
- Demografische Daten (Name, Alter, Kontaktdaten, Notfallkontakt)
- Motivation: „Warum möchtest du an diesem Retreat teilnehmen?"
- Erwartungen: „Was erhoffst du dir von der Erfahrung?"
- Medizinische Geschichte: Aktuelle Diagnosen, Medikamente, Allergien
- Psychische Gesundheit: Aktuelle Befindlichkeit, frühere Diagnosen, professionelle Unterstützung
- Vorerfahrung: Frühere psychedelische Erfahrungen (Art, Häufigkeit, Ergebnis)
- Lebenssituation: Aktuelle Stressoren, Unterstützungssystem, berufliche Situation
Gestaltungstipps:
- Verwende offene Fragen, keine reinen Ja/Nein-Fragen
- Erkläre, warum du jede Frage stellst
- Betone Vertraulichkeit
- Halte das Formular so kurz wie möglich, so ausführlich wie nötig (15-20 Fragen)
Stufe 2: Telefonisches Vorgespräch (30-45 Minuten)
Nachdem du das Bewerbungsformular ausgewertet hast, führst du ein telefonisches oder Videogespräch. Dieses Gespräch dient dazu:
- Vertiefen: Punkte aus dem Formular nachfragen, die unklar oder besorgniserregend waren
- Beziehung aufbauen: Die Person lernt dich kennen, und du lernst die Person jenseits des Formulars kennen
- Nuancen erfassen: Tonfall, emotionale Reaktionen, Kohärenz des Gesprächs — Dinge, die ein Formular nicht zeigen kann
Gesprächsleitfaden:
- „Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, das Formular auszufüllen. Ich habe es gelesen und möchte einige Punkte mit dir besprechen."
- Geh die wichtigsten Antworten durch, frag nach, wo du Klärungsbedarf hast
- Stell offene Fragen zur aktuellen Lebenssituation
- Frag nach Erwartungen und Ängsten
- Besprich den Ablauf des Retreats und beantworte Fragen
- Kläre, ob weitere Schritte nötig sind (ärztliche Freigabe, zusätzliches Gespräch)
Stufe 3: Persönliches Assessment (bei Bedarf)
Nicht jede Person braucht ein persönliches Assessment. Aber bei bestimmten Konstellationen — komplexe Vorgeschichte, grenzwertige Kontraindikationen, Unsicherheiten nach dem Telefongespräch — ist ein persönliches Treffen oder ein ausführliches Video-Assessment der nächste Schritt.
Hier hast du die Möglichkeit, die Person in einem direkten Kontakt zu erleben: Wie ist ihr emotionaler Zustand? Wie reagiert sie auf schwierige Fragen? Wie ist die nonverbale Kommunikation?
Timeline: Wann screenen?
Die richtige Timing-Planung ist entscheidend:
- Bewerbungsformular: Mindestens 6-8 Wochen vor dem Retreat
- Telefonisches Vorgespräch: 4-6 Wochen vor dem Retreat
- Ärztliche Freigabe (falls nötig): Mindestens 3-4 Wochen vor dem Retreat
- Persönliches Assessment (falls nötig): 2-3 Wochen vor dem Retreat
- Letztes Check-in: Am Vorabend oder am Morgen des Retreats
Warum so viel Vorlauf? Weil Absagen Zeit brauchen — für die Person, um sich emotional darauf einzustellen, und für dich, um den Platz möglicherweise nachzubesetzen.
Jemanden mitfühlend ablehnen
Dies ist einer der schwierigsten Aspekte der Facilitation. Du musst manchmal Nein sagen — zu Menschen, die sich auf die Erfahrung gefreut haben, die vielleicht dringend Veränderung suchen, die enttäuscht und möglicherweise verletzt sein werden.
Grundprinzipien für Absagen:
- Klarheit: Sag klar, dass eine Teilnahme zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist. Keine vagen Ausflüchte.
- Mitgefühl: Anerkenne, dass die Person sich Hoffnungen gemacht hat. „Ich verstehe, dass das enttäuschend ist."
- Begründung: Erkläre den Grund, soweit es ethisch und rechtlich angemessen ist. „Aufgrund der aktuellen Medikation sehe ich ein Sicherheitsrisiko, das ich nicht verantworten kann."
- Alternativen: Biete Alternativen an. „Wenn du mit deinem Arzt über die Medikation gesprochen hast und eine Freigabe bekommst, können wir gerne noch einmal sprechen." Oder: „Ich kann dir Kontakte zu Coaches/Begleitenden empfehlen, die dich auf andere Weise unterstützen können."
- Keine Tür zuschlagen: „Das bedeutet nicht ‚nie' — es bedeutet ‚jetzt nicht'."
Ein Empfehlungsnetzwerk aufbauen
Du wirst Menschen abweisen müssen. Und du wirst Menschen begegnen, die Unterstützung brauchen, die über deine Kompetenz hinausgeht. Deshalb brauchst du ein Netzwerk:
- Ärzte, die mit psychedelischen Substanzen vertraut sind und bereit sind, ärztliche Freigaben zu erteilen
- Psychologische Fachleute, an die du verweisen kannst — idealerweise solche mit Verständnis für psychedelische Erfahrungen
- Krisenressourcen: Telefonseelsorge (0800 111 0 111), lokale psychiatrische Notaufnahmen, Kriseninterventionsteams
- Andere Facilitators, mit denen du dich austauschen kannst (Peer-Supervision)
Bau dieses Netzwerk vor deinem ersten Retreat auf — nicht erst, wenn du es brauchst.
Dokumentation: Was aufzeichnen, wie speichern
Gute Dokumentation schützt dich und deine Teilnehmern. Sie ist auch ein Qualitätsmerkmal professioneller Facilitation.
Was dokumentieren:
- Bewerbungsformular und Antworten
- Gesprächsnotizen aus Telefonat und Assessment
- Eventuelle ärztliche Freigaben
- Informed Consent (unterschrieben)
- Besondere Vereinbarungen oder Vorkehrungen
- Entscheidungsbegründung (insbesondere bei Absagen)
Wie speichern:
- Verschlüsselt — unverschlüsselte Dateien auf dem Laptop sind nicht akzeptabel
- DSGVO-konform — persönliche Gesundheitsdaten unterliegen strengem Datenschutz
- Zugangsbeschränkt — nur Personen, die die Information brauchen, haben Zugriff
- Aufbewahrungsfrist definieren — wie lange bewahrst du die Daten auf? Wann werden sie gelöscht?
Tipp: Investiere in ein verschlüsseltes Dokumentenmanagement. Ein Passwort-geschützter Ordner auf dem Desktop reicht nicht.
Beispiel-Screening-Fragen
Hier sind einige Fragen, die du in deinen Prozess einbauen kannst:
Motivation:
- „Was hat dich dazu bewogen, dich für dieses Retreat anzumelden?"
- „Was erhoffst du dir von der Erfahrung?"
- „Hast du schon andere Ansätze ausprobiert, um an diesem Thema zu arbeiten?"
Medizinisch:
- „Nimmst du aktuell Medikamente? Wenn ja, welche und seit wann?"
- „Gibt es in deiner Familie psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder bipolare Störung?"
- „Hast du Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere chronische Erkrankungen?"
Psychologisch:
- „Wie würdest du deinen aktuellen emotionalen Zustand beschreiben?"
- „Hattest du jemals Gedanken, dass du nicht mehr leben möchtest?"
- „Gibt es Themen, von denen du weißt, dass sie emotional sehr aufgeladen sind?"
Vorerfahrung:
- „Hast du bereits Erfahrungen mit psychedelischen Substanzen gemacht? Wenn ja, welche?"
- „Wie war deine herausforderndste Erfahrung mit einer psychoaktiven Substanz?"
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Der beschriebene Screening-Prozess ist ein Rahmen für die Risikominimierung und kein klinisches Diagnostikverfahren.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass mehrstufige Screening-Prozesse — bestehend aus schriftlicher Bewerbung, telefonischem Vorgespräch und persönlichem Assessment — die Erkennung von Kontraindikationen deutlich verbessern im Vergleich zu einstufigen Verfahren.
Johnson et al., 2008 — Die Psilocybin-Forschungsgruppe der Johns Hopkins University verwendet ein dreistufiges Screening, das als Goldstandard für klinische psychedelische Studien gilt.
Übung
Praxisaufgabe:
Entwirf einen Bewerbungsbogen für ein fiktives Retreat — maximal 20 Fragen. Gliedere ihn in die Bereiche: Motivation, medizinische Geschichte, psychische Gesundheit, aktuelle Lebenssituation, Vorerfahrung.
Teste ihn an zwei Personen und bitte um Feedback: War etwas unklar? Fühlte sich etwas unangenehm an?