
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kennst den strukturellen Aufbau eines professionellen Vorbereitungsgesprächs Du kannst offene, nicht-lenkende Fragen stellen, die echte Informationen liefern Du verstehst den Unterschied zwischen dem Vorbereitungsgespräch und dem Informed-Consent-Gespräch
Das Vorbereitungsgespräch — Fundament der Begleitung
Das Vorbereitungsgespräch ist nicht einfach ein administrativer Schritt. Es ist nicht das „Intake-Formular in Gesprächsform". Es ist der Moment, in dem die Begleitbeziehung beginnt — oder scheitert.
In diesem Gespräch passieren mehrere Dinge gleichzeitig:
- Du sammelst Informationen über die Person
- Die Person sammelt Informationen über dich
- Vertrauen wird aufgebaut — oder nicht
- Erwartungen werden geklärt
- Kontraindikationen werden identifiziert
- Die Person entscheidet (bewusst oder unbewusst), ob sie sich dir anvertrauen kann
Jeder dieser Punkte verdient Aufmerksamkeit.
Timing
Das Vorbereitungsgespräch sollte nicht am Tag vor der Erfahrung stattfinden. Idealerweise findet es 1–3 Wochen vorher statt. Warum?
- Es gibt der Person Zeit, das Gespräch zu verarbeiten
- Ängste können sich setzen, anstatt direkt in die Erfahrung zu fließen
- Du hast Zeit, über das Gehörte nachzudenken und ggf. Rückfragen zu stellen
- Bei Bedenken bleibt Raum für ein Folgegespräch
Bei mehrtägigen Retreats kann ein kurzes Check-in-Gespräch am Anreisetag sinnvoll sein — aber es ersetzt nicht das ausführliche Vorgespräch.
Struktur eines Vorbereitungsgesprächs
Phase 1: Ankommen (5–10 Minuten)
Leichter Einstieg. Wie geht es der Person? Wie war die Anreise / der Tag? Small Talk ist hier kein Zeitverlust — er ist Vertrauensaufbau. Zeig echtes Interesse, nicht professionelle Freundlichkeit.
Phase 2: Motivation und Hintergrund (15–20 Minuten)
Offene Fragen:
- „Was hat dich zu dieser Entscheidung geführt?"
- „Was ist gerade los in deinem Leben?"
- „Hast du Vorerfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen?"
- „Was wünschst du dir von dieser Erfahrung?"
Hier hörst du zu. Wirklich zu. Nicht um die nächste Frage vorzubereiten, sondern um zu verstehen, wer vor dir sitzt. Achte auf:
- Was gesagt wird — und was nicht gesagt wird
- Emotionale Färbung: Ist die Person aufgeregt? Ängstlich? Abgeklärt? Überkompensierend?
- Rote Flaggen: aktuelle psychische Krise, instabile Medikation, externe Motivation („Mein Partner will, dass ich das mache")
Phase 3: Gesundheit und Kontraindikationen (10–15 Minuten)
Hier wird es konkreter:
- Aktuelle und vergangene psychische Belastungen
- Medikamenteneinnahme (besonders SSRIs, Lithium, MAO-Hemmer)
- Kardiovaskuläre Vorgeschichte
- Familienhistorie psychotischer Erkrankungen
- Aktuelle Suchtproblematik
Diese Fragen sind nicht optional. Sie sind keine Formalität. Sie können lebensrettend sein.
Phase 4: Erwartungen und Intentionsarbeit (10–15 Minuten)
- Was erwartet die Person?
- Welche Ängste gibt es?
- Erste Intentionsarbeit (wird ggf. am Tag der Erfahrung vertieft)
- Normalisierung des vollen Spektrums
Phase 5: Praktisches und Informed Consent (10 Minuten)
- Was passiert am Tag der Erfahrung? (Ablauf erklären)
- Was kann die Person erwarten? (Wirkdauer, mögliche Effekte)
- Was tust du als Facilitator — und was nicht?
- Einverständniserklärung besprechen (separates Dokument, aber hier erklären)
Phase 6: Abschluss (5 Minuten)
- Offene Fragen?
- Wie geht es der Person jetzt — nach diesem Gespräch?
- Kontaktmöglichkeit für Fragen bis zum Sitzungstag
Die Kunst der offenen Frage
Offene Fragen sind dein wichtigstes Werkzeug. Aber sie sind schwieriger als sie klingen.
Geschlossene Frage: „Hast du Angst?" → Antwort: „Ja" oder „Nein" Offene Frage: „Was fühlst du, wenn du an die Erfahrung denkst?" → Antwort: Ein ganzes Universum
Lenkende Frage: „Du hast sicher auch positive Erwartungen, oder?" → Die Antwort ist schon vorgegeben Nicht-lenkende Frage: „Was geht dir durch den Kopf, wenn du an nächste Woche denkst?" → Die Antwort gehört der Person
Übe, weniger zu reden und mehr zu fragen. Übe, die Stille auszuhalten, die nach einer guten Frage entsteht. In dieser Stille passiert die eigentliche Arbeit.
Rapport aufbauen, ohne Grenzen zu überschreiten
Du bist nicht der Freund oder die Freundin der teilnehmenden Person. Du bist auch nicht der kalte Profi mit Klemmbrett. Du bist etwas dazwischen — und dieses „Dazwischen" erfordert emotionale Intelligenz.
Rapport entsteht durch echtes Interesse, aktives Zuhören, emotionale Resonanz und Verlässlichkeit. Er entsteht nicht durch übertriebene Nähe, persönliche Offenbarungen oder den Versuch, gemocht zu werden.
Gute Faustregel: Teile von dir, was der Begleitbeziehung dient — nicht was deinem eigenen Bedürfnis nach Verbindung dient.
Das Informed-Consent-Gespräch
Das Einverständnisgespräch ist nicht identisch mit dem Vorbereitungsgespräch. Es ist ein separater, strukturierter Moment, in dem du sicherstellst, dass die Person versteht:
- Was die Substanz ist und wie sie wirkt
- Welche Risiken und Nebenwirkungen möglich sind
- Was du als Facilitator tust und was nicht
- Dass die Person jederzeit die Erfahrung abbrechen kann
- Dass die Teilnahme freiwillig ist
Informed Consent ist keine juristische Absicherung — es ist eine ethische Verpflichtung. Die Person muss verstehen, worin sie einwilligt. Nicht ein Formular unterschreiben, sondern wirklich verstehen.
Vorbereitungsgespräche sind Coaching- und Begleitgespräche. Sie ersetzen keine psychologische Diagnostik. Bei Verdacht auf klinisch relevante Symptome, verweise an qualifizierte Fachpersonen.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass die Qualität der Begleitbeziehung — aufgebaut in Vorgesprächen — einer der stärksten Prädiktoren für positive Erfahrungen ist.
Garcia-Romeu & Richards, 2018 — Teilnehmer, die sich von ihrem Facilitator verstanden und sicher fühlten, berichteten weniger Angst und mehr Offenheit während der Erfahrung.
Übung
Übung — Fragen üben:
Nimm dir einen Partner oder eine Partnerin und übe 15 Minuten lang, nur offene Fragen zu stellen. Keine Ratschläge, keine Interpretationen, keine „Ah, ich verstehe"-Momente. Nur Fragen.
Wie fühlt sich das an? Was passiert, wenn du nur zuhörst und fragst?