
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
Was du lernst
Du kannst eine vollständige Risikoanalyse für einen Veranstaltungsort durchführen Du kennst die wesentlichen Notfallprotokolle und kannst sie unter Druck anwenden Du verstehst das Buddy-System und die Rollenverteilung im Multi-Facilitator-Setting
Warum Sicherheit kein Nachgedanke sein darf
In der psychedelischen Begleitung gibt es eine Tendenz, sich auf die „weichen" Aspekte zu konzentrieren — Atmosphäre, Musik, Intention, Verbindung. Das ist wichtig. Aber es ist wertlos, wenn die Grundlagen der physischen Sicherheit nicht stehen.
Sicherheit ist nicht das Gegenteil von Vertrauen. Sicherheit ist die Voraussetzung für Vertrauen. Wenn du weißt, dass für jede Eventualität vorgesorgt ist, kannst du dich voll und ganz auf die Begleitung konzentrieren. Wenn du improvisieren musst, weil du keinen Plan hast, bist du ein Risiko — nicht ein Facilitator.
Risikoanalyse des Veranstaltungsorts
Bevor du einen Raum zum ersten Mal nutzt, machst du eine systematische Risikoanalyse. Nicht im Kopf — schriftlich.
Checkliste Risikoanalyse:
- ☐ Zugang: Ist der Ort barrierefrei? Gibt es Stolperfallen, unebene Böden, lose Teppiche?
- ☐ Treppen: Wo sind Treppen? Sind sie gesichert? Können sie vermieden werden?
- ☐ Fenster: Bodentiefe Fenster in oberen Stockwerken? Sicherung vorhanden?
- ☐ Brandschutz: Rauchmelder? Feuerlöscher? Löschdecke? Fluchtweg frei?
- ☐ Stromversorgung: Sind Kabel gesichert? Können sie zu Stolperfallen werden?
- ☐ Sanitär: Ist die Toilette leicht und sicher erreichbar — auch in desorientiertem Zustand?
- ☐ Mobilfunkempfang: Funktioniert das Telefon? Gibt es ein Festnetz als Backup?
- ☐ Nachbarschaft: Wie nah sind Nachbarn? Besteht Lärmrisiko — in beide Richtungen?
- ☐ Medizinische Infrastruktur: Wie weit ist das nächste Krankenhaus? Wie lange braucht ein Rettungswagen?
Notfallprotokolle
Medizinischer Notfall
- Ruhe bewahren — dein Nervensystem reguliert das des Raums
- Person ansprechen, Bewusstseinszustand einschätzen
- Vitalzeichen prüfen: Puls, Atmung, Blutdruck
- Bei Bewusstlosigkeit: Stabile Seitenlage, Atemwege freihalten
- Bei Krampfanfall: Umgebung sichern, Person NICHT festhalten, Zeit messen
- Notruf: 112 — Adresse klar kommunizieren, Situation sachlich beschreiben
- Alle anderen Teilnehmern informieren und beruhigen (kurz, ehrlich, sachlich)
Psychische Krise (ohne medizinischen Notfall)
- Nicht allein lassen — niemals
- Ruhig und präsent bleiben
- Nicht versuchen, die Erfahrung zu stoppen oder zu verändern — begleiten
- Grounding-Techniken anbieten: Atmen, Körperkontakt (nur mit Erlaubnis), sensorische Orientierung
- Raum anpassen: Licht, Musik, Position
- Nach der akuten Phase: langsames Herausbegleiten, Nachgespräch
- Wenn die Krise nicht abklingt: professionelle Hilfe hinzuziehen
Panikreaktion und Fluchtimpuls
- Person will den Raum verlassen — nicht physisch aufhalten
- Begleiten, nicht blockieren
- Ruhig sprechen: „Ich bin hier. Du bist sicher. Du kannst atmen."
- Wenn möglich: in einen sicheren Nebenraum begleiten, nicht ins Freie (Orientierungslosigkeit)
- Nach Beruhigung: Rückkehr in den Hauptraum anbieten, nicht erzwingen
Stromausfall
- Taschenlampen bereithalten (immer!)
- LED-Kerzen als Backup-Beleuchtung
- Musik: Batteriebetriebener Lautsprecher als Ersatz
- Ruhig kommunizieren: „Alles in Ordnung, ich bin hier. Wir haben Licht."
Feuer
- Alle Teilnehmern sofort und ruhig zum Ausgang führen
- Sich NICHT um die Ausstattung kümmern — Menschen zuerst
- Sammelpunkt vorher definieren
- Feuerwehr rufen: 112
Der Notfall-Rucksack
Habe immer einen gepackten Notfall-Rucksack bereit. Er enthält:
- Erste-Hilfe-Set (vollständig, regelmäßig geprüft)
- Blutdruckmessgerät
- Taschenlampe + Ersatzbatterien
- Ladegerät für Telefon
- Liste mit Notfallnummern (ausgedruckt)
- Adresse des Veranstaltungsorts (ausgedruckt)
- Medizinische Informationen der Teilnehmer (ausgedruckt, versiegelt)
- Rettungsdecke
- Traubenzucker
- Wasser
Teilnehmer-Daten während der Sitzung
Alle relevanten medizinischen Informationen der Teilnehmer müssen während der Session physisch verfügbar sein — nicht nur digital auf deinem Telefon, das möglicherweise keinen Akku mehr hat.
Ein einfacher Ordner mit einem Blatt pro Person:
- Name, Geburtsdatum
- Vorerkrankungen
- Aktuelle Medikation
- Allergien
- Notfallkontakt (Name, Telefon, Beziehung)
- Besondere Hinweise
Kommunikationsprotokoll
Wer ruft an? Wann? Wen?
Definiere vorher:
- Notfall Stufe 1 (medizinisch lebensbedrohlich): Sofort 112. Dann Notfallkontakt der Person. Dann Teamleitung.
- Notfall Stufe 2 (psychische Krise, nicht lebensbedrohlich): Interne Eskalation an Co-Facilitator. Wenn keine Besserung innerhalb von 30 Minuten: professionelle Hilfe.
- Stufe 3 (situativ, nicht akut): Nach der Session besprechen. Dokumentieren.
Buddy-System im Multi-Facilitator-Team
Bei Retreats mit mehreren Facilitatoren:
- Leitender Facilitator: Gesamtverantwortung, Entscheidungshoheit bei Krisen
- Support-Facilitator: Zugeordnet zu bestimmten Teilnehmern, verantwortlich für deren individuelle Begleitung
- Krisen-Facilitator: Steht bereit, falls ein Teilnehmer intensive Einzelbetreuung braucht — ohne dass die Gruppenbegleitung leidet
Rollenklärung findet vor der Session statt. Nicht währenddessen. Während der Session weiß jeder, was zu tun ist.
Dokumentation
Nach jeder Session: Dokumentiere, was passiert ist. Nicht nur Krisen — alles, was relevant ist. Körperliche Reaktionen, emotionale Verläufe, besondere Vorkommnisse. Diese Dokumentation ist:
- Dein Lernwerkzeug
- Deine Absicherung
- Dein Beitrag zur Professionalisierung des Feldes
Sicherheitsprotokolle sind kein Ersatz für professionelle medizinische Versorgung. Bei medizinischen Notfällen immer den Rettungsdienst rufen (112). Die hier beschriebenen Maßnahmen gelten im Rahmen von Coaching und Begleitung.
Forschungskontext
Forschung deutet darauf hin, dass die meisten Komplikationen in psychedelischen Settings nicht durch die Substanz selbst entstehen, sondern durch mangelhafte Vorbereitung der Umgebung und fehlende Notfallprotokolle.
Johnson et al., 2008 — Strukturierte Sicherheitsrahmen reduzieren das Risiko signifikant — nicht auf null, aber auf ein verantwortbares Niveau.
Übung
Übung — Notfallszenario durchspielen:
Wähle eines der folgenden Szenarien und spiele es gedanklich (oder mit einem Partner) durch: (a) Ein Teilnehmer wird panisch und will den Raum verlassen, (b) Eine Teilnehmerin hat einen Kreislaufkollaps, (c) Der Strom fällt aus.
Wie reagierst du? Was tust du zuerst, als zweites, als drittes?