
Psychedelische Integration
Der umfassende Integrationskurs für alle, die eine psychedelische Erfahrung verarbeiten und in ihr Leben einbetten möchten. Von Neurowissenschaft über Schattenarbeit bis hin zu Langzeit-Integration — 12 Module für nachhaltigen Wandel.
Was du lernst
Du erkennst die Anzeichen von Unteraktivierung (Hypoarousal) Du verstehst Dissoziation als Schutzmechanismus Du hast drei Techniken, um dich sanft wieder zu aktivieren
Das weniger bekannte Extrem
Überaktivierung bekommt viel Aufmerksamkeit. Angst, Panik, Unruhe — das sind Zustände, die auffallen und die man schnell als problematisch erkennt.
Unteraktivierung ist subtiler. Und genau das macht sie tückisch.
Wie Unteraktivierung sich zeigt
Unteraktivierung ist nicht einfach „müde sein." Es ist ein Zustand, in dem dein Nervensystem heruntergefahren hat — ein Schutzmechanismus, der aktiviert wird, wenn das System keine andere Möglichkeit sieht, mit Überwältigung umzugehen.
Körperlich:
- Schwere Glieder, Müdigkeit ohne Schlafmangel
- Verlangsamte Bewegungen und Reaktionen
- Taubheitsgefühle, „den Körper nicht spüren"
- Schwaches Immunsystem, häufige Erschöpfung
- Veränderter Appetit (meist reduziert)
Emotional:
- Emotionale Flachheit — „Ich fühle nichts"
- Gleichgültigkeit, Apathie
- Gefühl von Leere oder Sinnlosigkeit
- Verlust von Interesse an Dingen, die normalerweise Freude machen
Kognitiv:
- Konzentrationsprobleme, „Nebel im Kopf"
- Verlangsamtes Denken
- Schwierigkeit, Entscheidungen zu treffen
- Vergesslichkeit
Dissoziation — Der Schutzmantel
Ein besonders wichtiger Aspekt der Unteraktivierung ist die Dissoziation. Sie kann verschiedene Formen annehmen:
Depersonalisation: Du fühlst dich fremd in deinem eigenen Körper. Als würdest du dich selbst von außen beobachten. „Ist das wirklich meine Hand?"
Derealisation: Die Welt um dich herum fühlt sich unwirklich an. Wie ein Film, wie ein Traum. „Ist das hier echt?"
Emotionale Taubheit: Du weißt, dass du etwas fühlen „solltest", aber da ist nichts. Es ist, als wäre ein Schalter umgelegt worden.
Wichtig: Dissoziation ist kein Versagen. Es ist ein Schutzmechanismus deines Nervensystems. Wenn die Erfahrung zu intensiv war, um sie vollständig zu verarbeiten, trennt dein System dich vorübergehend davon ab. Das ist klug, nicht pathologisch.
Aber langfristig möchtest du die Verbindung wiederherstellen — behutsam, schrittweise, in deinem Tempo.
Drei Techniken für sanfte Aktivierung
1. Sensorische Stimulation
Bringe dein Nervensystem mit konkreten, körperlichen Reizen zurück:
- Halte einen Eiswürfel in der Hand
- Rieche an ätherischen Ölen (Pfefferminze, Rosmarin)
- Kaue auf etwas Scharfem oder Saurem
- Stell dich unter eine kühle Dusche (nicht eiskalt)
2. Bewegung und Rhythmus
Dein Körper braucht Aktivierung — aber sanft:
- Geh spazieren — möglichst in der Natur
- Stampfe mit den Füßen auf den Boden (Rhythmus!)
- Tanzen — egal wie, egal zu welcher Musik
- Schüttle deinen Körper aus (die „TRE-Technik")
3. Soziale Verbindung
Das ventrale vagale System — zuständig für Sicherheit und Verbindung — wird durch soziale Interaktion aktiviert:
- Ruf jemanden an, dem du vertraust
- Schau jemandem in die Augen (länger als gewohnt)
- Lass dich umarmen
- Sprich laut — mit dir selbst, wenn niemand da ist
Unteraktivierung nach psychedelischen Erfahrungen
Manche Menschen berichten nach psychedelischen Erfahrungen über Phasen der Unteraktivierung:
- „Ich bin zurück, aber irgendwie nicht wirklich"
- „Die Welt fühlt sich flach an im Vergleich zur Erfahrung"
- „Ich funktioniere, aber ich fühle nichts"
- „Ich habe alles gesehen, und jetzt ist alles egal"
Wenn du dich hier wiedererkennst: Das ist ein bekanntes Muster. Es ist vorübergehend. Und es gibt Wege zurück.
Der Weg zurück ins Fenster
Der Schlüssel bei Unteraktivierung ist: Nicht forcieren, aber auch nicht aufgeben. Stell dir vor, du weckst jemanden, der tief schläft. Du schreist ihn nicht an — aber du bleibst dran.
Kleine, sanfte Impulse. Jeden Tag. Der Body-Scan aus Modul 2. Die Aktivierungsübung in der Seitenbox. Ein Spaziergang. Ein Anruf. Stück für Stück kommst du zurück.
Dein System hat dich beschützt, indem es heruntergefahren hat. Jetzt darfst du ihm zeigen, dass es sicher ist, wieder hochzufahren.
Forschungskontext
Porges (2011) beschreibt die dorsale vagale Reaktion als „letzten Ausweg" des Nervensystems — wenn weder Kampf noch Flucht möglich sind, fährt der Körper herunter.
Lanius et al. (2010) zeigten, dass dissoziative Zustände nach überwältigenden Erfahrungen neurobiologisch messbar sind und eine eigene Form der Traumareaktion darstellen.
Übung
Übung: Sanfte Aktivierung
- Stampfe mit den Füßen auf den Boden — spüre den Kontakt
- Reibe deine Hände aneinander — schnell, bis sie warm werden
- Schüttle deinen ganzen Körper 30 Sekunden lang
- Summfe laut — spüre die Vibration in deiner Brust
- Nenne laut 3 Dinge, die wahr sind: deinen Namen, den Ort, das Datum
Diese Übung dauert 2 Minuten und kann dich aus einem leichten dissoziativen Zustand zurückholen.