
Psychedelische Vorbereitung
Umfassender Vorbereitungskurs für dein psychedelisches Retreat. Von der inneren Standortbestimmung über Set & Setting bis hin zu Atemtechniken und mentaler Vorbereitung — alles, was du vor deiner Erfahrung wissen und üben solltest.
Was du lernst
Du kannst klar zwischen Intention und Erwartung unterscheiden Du verstehst, warum starre Erwartungen problematisch sind Du kennst das Konzept der Open-Label-Intention
Zwei Wörter, die alles verändern
Es gibt zwei Wörter, die in der psychedelischen Vorbereitung ständig verwendet werden und die oft verwechselt werden: Intention und Erwartung. Der Unterschied zwischen ihnen ist nicht akademisch. Er ist praktisch — und er kann den Unterschied zwischen einer bereichernden und einer frustrierenden Erfahrung ausmachen.
Was ist eine Erwartung?
Eine Erwartung ist ein konkretes Bild davon, was passieren soll. Sie hat eine klare Form, ein klares Ergebnis.
Erwartungen klingen so:
- „Ich will, dass die Erfahrung friedlich ist."
- „Ich will endlich verstehen, warum ich immer wieder in dieselben Muster falle."
- „Ich will eine tiefe spirituelle Erfahrung haben."
- „Ich will danach keine Angst mehr vor dem Tod haben."
- „Ich will Farben sehen und Musik fühlen."
Auf den ersten Blick klingen diese Sätze vernünftig. Sogar positiv. Aber sie haben ein Problem: Sie legen fest, wie die Erfahrung auszusehen hat, bevor sie stattfindet.
Und psychedelische Erfahrungen halten sich nicht an Pläne.
Warum Erwartungen problematisch sind
Wenn du mit einer klaren Erwartung in eine psychedelische Erfahrung gehst, passiert Folgendes:
Du vergleichst ständig. Was tatsächlich passiert, wird gegen das gemessen, was du erwartet hast. Das zieht dich aus der Erfahrung heraus — in deinen bewertenden Verstand hinein.
Du widersetzt dich dem, was kommt. Wenn die Erfahrung nicht deiner Erwartung entspricht, entsteht Widerstand. „Das sollte anders sein." Widerstand ist einer der Hauptgründe für schwierige psychedelische Erfahrungen.
Du verpasst, was wirklich da ist. Während du auf die erwartete Vision wartest, übersieht du vielleicht die stille, unscheinbare Erkenntnis, die tatsächlich die wichtigste der ganzen Erfahrung ist.
Du erzeugst Enttäuschung. Wenn die Erfahrung nicht liefert, was du bestellt hast, gehst du mit einem Gefühl von Versagen nach Hause — obwohl möglicherweise etwas Wichtiges passiert ist, das du nicht erwartet hattest.
Forschung deutet darauf hin, dass Teilnehmer, die mit rigiden Erwartungen in psychedelische Sitzungen gehen, häufiger von schwierigen Erfahrungen berichten. Nicht weil die Substanz „schlecht reagiert", sondern weil der innere Widerstand gegen das Unerwartete die Erfahrung erschwert.
Was ist eine Intention?
Eine Intention ist etwas fundamental anderes. Sie ist eine Richtung, kein Ziel. Ein Kompass, keine Landkarte.
Intentionen klingen so:
- „Ich bin bereit, mich dem zu stellen, was sich zeigt."
- „Ich möchte offener gegenüber meinen Gefühlen werden."
- „Ich will meine Beziehung zu meinem Körper vertiefen."
- „Ich möchte verstehen, was unter meiner Erschöpfung liegt."
- „Ich bin bereit zu lernen — auch wenn es unbequem wird."
Merkst du den Unterschied? Intentionen sind:
- Offen — sie lassen Raum für das Unerwartete
- Prozessorientiert — sie beschreiben eine Haltung, kein Ergebnis
- Ehrlich — sie kommen aus einem echten Bedürfnis, nicht aus einer Fantasie
- Flexibel — sie können sich während der Erfahrung verändern
Eine Intention sagt nicht: „Bring mich dorthin." Sie sagt: „Ich bin bereit zu gehen."
Das Open-Label-Prinzip
In der psychedelischen Forschung gibt es einen interessanten Ansatz, der als „Open-Label"-Design bezeichnet wird. Anders als in klassischen Doppelblindstudien wissen die Teilnehmer hier, was sie bekommen. Es gibt kein Geheimnis, keine Kontrolle durch Unwissenheit.
Dieses Prinzip lässt sich auf Intentionen übertragen: Eine Open-Label-Intention ist eine Intention, die du klar benennst, transparent hältst — und gleichzeitig nicht daran klammerst.
Du sagst: „Meine Intention ist, mich meiner Trauer zu nähern." Du sagst das deinem Coach. Du sagst es dir selbst. Und dann lässt du los. Die Intention ist da. Sie muss nicht festgehalten werden. Sie muss nicht erzwungen werden. Sie ist wie ein Samen, den du in die Erde legst — und dann vertraust du dem Prozess.
Griffiths und sein Team an der Johns Hopkins University haben in mehreren Studien beobachtet, dass Teilnehmer, die ihre Intentionen klar benannten, aber bereit waren, von ihnen abzuweichen, die tiefsten und nachhaltigsten Erfahrungen berichteten. Matthew Johnson hat dies als die Fähigkeit beschrieben, dem Prozess zu vertrauen — „trust the process."
Der Moment, in dem die Intention loslässt
Hier liegt die feinste Nuance: Es gibt einen Punkt in der Erfahrung, an dem du die Intention aktiv loslassen musst.
Am Anfang der Erfahrung ist die Intention ein Anker. Sie gibt dir Orientierung, wenn die Wirkung einsetzt. „Ah ja, deshalb bin ich hier."
Aber wenn die Erfahrung tiefer wird, verändert sich dein Bewusstsein so fundamental, dass bewusste Intentionen nicht mehr die Steuerung übernehmen können. In diesem Moment wird aus „Ich halte meine Intention" ein „Ich lasse los und vertraue."
Das ist kein Widerspruch zur Intention. Es ist ihre natürliche Evolution. Die Intention hat ihren Dienst getan — sie hat dich hierher gebracht. Jetzt übernimmt ein tieferer Prozess.
Viele erfahrene Coaches und Facilitator beschreiben diesen Übergang als den wichtigsten Moment der gesamten Erfahrung. Es ist der Moment, in dem du von aktiver Steuerung in passives Empfangen wechselst. Von „Ich gestalte" zu „Ich empfange."
Wie du deine Intention findest
Im nächsten Kapitel gehen wir tief in die Techniken zur Intentionsfindung. Aber hier schon ein erster Impuls:
Deine Intention findet dich oft, wenn du aufhörst, sie zu suchen.
Sie taucht auf bei einem Spaziergang. Unter der Dusche. Im Halbschlaf. In einem Gespräch, in dem du plötzlich etwas sagst, das dich selbst überrascht. Intentionen kommen selten aus dem Kopf. Sie kommen aus einer tieferen Schicht — dort, wo dein eigentliches Bedürfnis liegt.
Die Übung am Ende dieser Lektion hilft dir, Erwartungen von Intentionen zu unterscheiden. Mach sie wirklich. Sie dauert nur 15 Minuten, und sie klärt vieles.
Forschungskontext
Psilocybin-Studien an der Johns Hopkins University zeigten, dass Teilnehmer, die mit klaren Intentionen aber ohne rigide Erwartungen in die Sitzungen gingen, häufiger von mystischen Erfahrungen und nachhaltigen positiven Veränderungen berichteten. Die Fähigkeit, „den Prozess der Erfahrung zu vertrauen", wurde als Schlüsselfaktor betont.
Griffiths et al., 2006, 2011; Hendricks & Johnson, 2018
Übung
Journalübung: Intention vs. Erwartung sortieren (15 Min)
Schreib als Erstes alles auf, was du dir von deiner Retreat-Erfahrung erhoffst. Alles. Ohne Filter.
Dann geh die Liste durch und markiere:
- 🟢 Intention — offen, prozessorientiert, wachstumsbezogen
- 🔴 Erwartung — spezifisch, ergebnisorientiert, kontrollierend
Beispiele:
- „Ich möchte mich besser kennenlernen" → 🟢 Intention
- „Ich will, dass meine Angst verschwindet" → 🔴 Erwartung
- „Ich bin bereit, mich dem zu stellen, was kommt" → 🟢 Intention
- „Ich will eine Vision haben, die mir zeigt, was ich beruflich tun soll" → 🔴 Erwartung
Transformiere die roten Punkte in grüne. Aus „Ich will, dass meine Angst verschwindet" wird: „Ich bin bereit, meine Angst genauer kennenzulernen."