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Umfassende Vorbereitung für psychedelische Bewusstseinserweiterungen.

Psychedelische Vorbereitung

Umfassender Vorbereitungskurs für dein psychedelisches Retreat. Von der inneren Standortbestimmung über Set & Setting bis hin zu Atemtechniken und mentaler Vorbereitung — alles, was du vor deiner Erfahrung wissen und üben solltest.

Was du lernst

  • Du verstehst den Unterschied zwischen Oberflächen-Intention und tieferer Intention
  • Du hast mindestens eine Technik angewendet, um deine tiefere Intention zu finden
  • Du weißt, wie du die Intention hältst, ohne daran zu klammern

Die Oberfläche und das, was darunter liegt

Wenn Menschen gefragt werden, was sie sich von einer psychedelischen Erfahrung erhoffen, kommen meist schnelle Antworten:

  • „Ich will Klarheit über meine berufliche Situation."
  • „Ich will meine Beziehung zu meiner Mutter verstehen."
  • „Ich will weniger Angst haben."
  • „Ich will mich selbst besser kennenlernen."

Das sind keine falschen Antworten. Aber sie sind Oberflächen-Intentionen. Sie beschreiben den sichtbaren Teil eines tieferen Bedürfnisses — so wie Fieber das sichtbare Zeichen eines darunter liegenden Prozesses ist.

In dieser Lektion gehen wir unter die Oberfläche. Nicht um deine erste Intention zu verwerfen, sondern um zu finden, was darunter liegt.

Warum die Oberfläche nicht reicht

Oberflächen-Intentionen sind meistens kognitiv — sie kommen aus dem Verstand. Dein Kopf hat analysiert, was „das Problem" ist, und formuliert eine Lösung in Form einer Intention.

Das ist grundsätzlich nicht verkehrt. Aber der Verstand hat Grenzen. Er kennt nur das, was er bereits weiß. Er bewegt sich in bekannten Kategorien. Und psychedelische Erfahrungen führen dich oft in Bereiche, die jenseits dessen liegen, was dein Verstand kartographiert hat.

Rosalind Watts, die am Imperial College London an Psilocybin-Studien geforscht hat, verwendet die Metapher eines Brunnens: Die Oberflächen-Intention ist das Wasser, das du oben am Brunnenrand siehst. Aber das wirkliche Wasser — das tiefere Bedürfnis — liegt weiter unten. Du musst graben.

Das bedeutet nicht, dass die Oberflächen-Intention nutzlos ist. Sie ist der Einstiegspunkt. Aber wenn du dort stehen bleibst, verpasst du möglicherweise etwas Wesentlicheres.

Drei Schichten der Intention

Lass uns drei Schichten unterscheiden — nicht als starres Modell, sondern als Orientierungshilfe:

Schicht 1: Die pragmatische Intention

Das ist die offensichtlichste Ebene. Sie bezieht sich auf ein konkretes Lebensthema:

  • „Ich will Klarheit über meinen Job."
  • „Ich will verstehen, warum ich immer wieder dieselben Partner wähle."
  • „Ich will mit meiner Trauer umgehen können."

Diese Intentionen sind nützlich als Ausgangspunkt. Sie zeigen dir, wo es gerade „drückt". Aber sie sind meistens symptomatisch — sie beschreiben die Stelle, an der der Schmerz sichtbar wird, nicht unbedingt seinen Ursprung.

Schicht 2: Die emotionale Intention

Unter der pragmatischen Intention liegt oft eine emotionale Schicht. Hier geht es nicht mehr um das WAS, sondern um das WIE — wie du dich fühlst, wie du mit dir selbst umgehst:

  • „Ich möchte lernen, mir selbst zu vertrauen."
  • „Ich will die Angst nicht mehr wegschieben, sondern anschauen können."
  • „Ich sehne mich nach Verbindung — zu mir selbst, zu anderen."
  • „Ich will mich lebendig fühlen, nicht nur funktionieren."

Diese Schicht ist schwieriger zu erreichen, weil sie verletzlicher ist. Hier gibt es keine „guten" oder „schlechten" Antworten. Hier gibt es nur Ehrlichkeit.

Schicht 3: Die existenzielle Intention

Die tiefste Schicht berührt Fragen, die über das individuelle Problem hinausgehen. Hier wird es grundsätzlich:

  • „Wer bin ich, wenn ich die Masken ablege?"
  • „Was bleibt, wenn ich aufhöre zu leisten?"
  • „Was bedeutet es, wirklich da zu sein?"
  • „Kann ich dem Leben vertrauen — auch wenn ich nicht alles kontrolliere?"

Nicht jeder muss zu dieser Schicht vordringen. Aber viele Menschen, die an einem psychedelischen Retreat teilnehmen, tragen solche Fragen in sich — auch wenn sie sie nie bewusst formuliert haben.

Psychedelische Erfahrungen haben die Tendenz, dich genau dorthin zu bringen, wo du am meisten wachsen kannst. Und das ist oft tiefer, als du geplant hattest.

Techniken zur Intentionsfindung

1. Die Fünf-Warum-Technik

Diese Methode kommt ursprünglich aus dem Toyota-Produktionssystem — was witzig klingt, aber erstaunlich gut funktioniert. Du nimmst deine Oberflächen-Intention und fragst fünfmal „Warum?":

Beispiel:

  • Intention: „Ich will weniger gestresst sein."
  • Warum? → „Weil ich ständig unter Druck stehe."
  • Warum? → „Weil ich das Gefühl habe, nie genug zu tun."
  • Warum? → „Weil ich glaube, dass mein Wert von meiner Leistung abhängt."
  • Warum? → „Weil ich nie gelernt habe, dass ich genug bin, so wie ich bin."
  • Warum? → „Weil ich als Kind die Erfahrung gemacht habe, dass Liebe an Bedingungen geknüpft war."

Siehst du, wie sich die Qualität der Antwort verändert? Von „weniger Stress" zu „bedingungsloser Selbstwert". Das sind zwei völlig unterschiedliche Intentionen — und die tiefere ist die kraftvollere.

2. Körperanker

Dein Körper weiß oft mehr als dein Kopf. Probier Folgendes:

  1. Setz dich ruhig hin. Schließ die Augen.
  2. Sprich deine Intention laut aus.
  3. Beobachte: Was passiert im Körper? Wo spürst du etwas? Gibt es eine Reaktion — Wärme, Enge, Weite, Kribbeln?
  4. Wenn du nichts spürst: Die Intention ist vermutlich noch zu kognitiv. Versuch eine andere Formulierung.
  5. Wenn du etwas spürst: Bleib dort. Frag den Körper: „Was liegt darunter?"

Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber es funktioniert. Dein Körper reagiert auf emotionale Wahrheit — er lässt sich nicht so leicht belügen wie dein Verstand.

3. Freies Schreiben

Nimm 10 Minuten. Schreib die Frage oben auf ein Blatt: „Was brauche ich wirklich?" Dann schreib. Ohne zu stoppen. Ohne zu korrigieren. Ohne nachzudenken.

Die ersten 3–4 Minuten produzierst du wahrscheinlich das, was dein Kopf schon weiß. Irgendwann — oft nach 5–6 Minuten — schreibst du etwas, das dich überrascht. Das ist meistens der Moment, in dem eine tiefere Schicht spricht.

Lies dir danach durch, was du geschrieben hast. Markiere die Sätze, bei denen du etwas spürst — im Bauch, in der Brust, im Hals.

4. Gespräch mit einer Vertrauensperson

Manchmal hilft es, die Intention laut auszusprechen — nicht um sie zu erklären, sondern um zu hören, wie sie klingt. Bitte eine Vertrauensperson, dir einfach zuzuhören. Keine Ratschläge, keine Kommentare. Nur Zuhören.

Wenn du sprichst, achte darauf, wann deine Stimme sich verändert. Wann du langsamer wirst. Wann du stockst. Das sind die Stellen, an denen etwas Wichtiges liegt.

Die Intention halten, ohne zu klammern

Du hast jetzt vielleicht eine tiefere Intention gefunden. Die Frage ist: Was machst du damit?

Die Antwort ist überraschend einfach — und gleichzeitig eine der schwierigsten Dinge, die du tun kannst:

Halte sie. Und klammere nicht.

Das ist wie einen Schmetterling auf der offenen Hand zu halten. Wenn du die Faust schließt, zerdrückst du ihn. Wenn du die Hand öffnest, fliegt er vielleicht weg. Der Punkt ist: Du hältst die Hand offen — und vertraust.

Konkret bedeutet das:

  • Sprich deine Intention aus. Sag sie deinem Coach, deiner Vertrauensperson, dir selbst.
  • Schreib sie auf. Nicht als Vertrag, sondern als Erinnerung.
  • Erlaube Veränderung. Deine Intention darf sich wandeln. Vielleicht ist morgen eine andere Formulierung wahrer als heute.
  • Lass los, wenn es soweit ist. In der Erfahrung selbst wird der Moment kommen, in dem die Intention zur Seite tritt. Das ist gut. Das bedeutet, dass etwas Tieferes übernimmt.

In der nächsten Lektion schauen wir uns an, wie du die Intention im Alltag lebendig hältst — nicht nur als Gedanke, sondern als gelebte Praxis.

Forschungskontext

Die humanistische Psychologie — insbesondere Carl Rogers und Abraham Maslow — beschreibt ein Modell menschlicher Bedürfnisse, das von oberflächlichen Wünschen zu tieferen Grundbedürfnissen reicht. Dieses Konzept wurde auf psychedelische Erfahrungen angewendet und zeigt, dass Teilnehmer, die zu ihren tieferen Intentionen vordringen, nachhaltigere Veränderungen berichten. Die Metapher des „Brunnens" verdeutlicht: Man muss tiefer graben, um ans Wasser zu kommen.

Watts, 2017

Übung

Übung: Die Fünf-Warum-Technik (20 Min)

Nimm deine Intention aus der letzten Lektion. Jetzt frag dich fünfmal „Warum?":

  1. Intention: „Ich möchte meine Angst besser verstehen."
  2. Warum? → „Weil sie mich im Alltag einschränkt."
  3. Warum ist das wichtig? → „Weil ich dadurch Chancen verpasse."
  4. Warum stört dich das? → „Weil ich das Gefühl habe, nicht mein volles Potenzial zu leben."
  5. Warum ist das wichtig? → „Weil ich tief drinnen weiß, dass da mehr ist — und die Angst mich davon abhält, es zu sehen."

Die letzte Antwort ist näher an deiner tieferen Intention als die erste. Schreib sie in dein Journal.

Bonus: Sprich deine tiefere Intention laut aus. Merkst du einen Unterschied im Körper?