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Umfassende Vorbereitung für psychedelische Bewusstseinserweiterungen.

Psychedelische Vorbereitung

Umfassender Vorbereitungskurs für dein psychedelisches Retreat. Von der inneren Standortbestimmung über Set & Setting bis hin zu Atemtechniken und mentaler Vorbereitung — alles, was du vor deiner Erfahrung wissen und üben solltest.

Was du lernst

  • Du kennst Erdungstechniken für schwierige Momente während der Erfahrung
  • Du verstehst den Unterschied zwischen schwierig und gefährlich

Warum „Bad Trip" das falsche Wort ist

Lass uns einen Begriff streichen: „Bad Trip."

Nicht weil schwierige Erfahrungen nicht existieren — sie tun es. Sondern weil das Wort „bad" impliziert, dass etwas schiefgelaufen ist. Dass die Erfahrung fehlerhaft war. Dass du versagt hast.

Das stimmt nicht.

In einem professionell begleiteten Setting mit angemessener Vorbereitung sind schwierige Erfahrungen nicht das Gegenteil von guten Erfahrungen. Sie sind oft der Teil, in dem die eigentliche Arbeit passiert.

Trauer, die endlich fließen darf. Angst, die sich zeigt und dann transformiert. Wahrheiten, die schmerzen, aber befreien. Das fühlt sich im Moment nicht „gut" an. Aber es ist nicht „bad".

Deswegen sprechen wir von schwierigen oder herausfordernden Erfahrungen — nicht von schlechten.

Schwierig vs. Gefährlich

Das ist eine entscheidende Unterscheidung:

Schwierig: Intensiv, emotional, vielleicht beängstigend, aber sicher. Du weinst. Du zitterst. Du hast Angst. Du siehst etwas Schmerzhaftes. Das ist schwierig — und es ist Teil des Prozesses.

Gefährlich: Medizinischer Notfall, psychotische Episode, Selbst- oder Fremdgefährdung. Das ist extrem selten in professionell begleiteten Settings mit sorgfältigem Screening — und genau deshalb gibt es dieses Screening.

Die absolute Mehrheit aller schwierigen Momente in Retreats fällt in die Kategorie „schwierig, aber sicher". Und dafür bist du hier: um Werkzeuge zu haben, die dir in diesen Momenten helfen.

Die häufigsten Herausforderungen

Angst und Panik

Die häufigste Herausforderung. Angst kann in verschiedenen Formen auftauchen — als diffuses Unbehagen, als konkrete Befürchtung oder als körperliche Panikreaktion. Meistens ist sie am stärksten während des Aufstiegs (Phase 2), wenn die Kontrolle nachlässt.

Trauer und Weinen

Viele Menschen erleben intensive Trauer — über Verluste, verpasste Chancen, verletzte Beziehungen, die eigene Kindheit. Weinen ist keine Schwäche. Es ist eine der natürlichsten Reaktionen auf Trauer — und unter Psychedelika fällt die Hemmung, die es im Alltag oft unterdrückt.

Übelkeit

Körperliches Unwohlsein, besonders in den ersten 1–2 Stunden. Bei manchen leicht, bei anderen stärker. Übelkeit geht vorbei. Manchmal ist Erbrechen eine körperliche Entladung, nach der deutliche Erleichterung eintritt.

Gedankenschleifen

Der Kopf dreht sich im Kreis. Derselbe Gedanke. Immer wieder. Du kommst nicht raus. Das fühlt sich beängstigend an — ist aber vorübergehend. Erdungstechniken helfen, die Schleife zu unterbrechen.

Ego-Auflösung

Das Gefühl, dich selbst zu verlieren. Nicht zu wissen, wer du bist. Die Grenze zwischen dir und der Welt verschwimmt. Das kann zutiefst beängstigend sein — oder zutiefst befreiend. Oft beides nacheinander.

Dein Notfallkoffer: Erdungstechniken

Wenn es schwierig wird, brauchst du keine Philosophie. Du brauchst Werkzeuge, die sofort funktionieren. Hier sind drei:

Technik 1: 5-4-3-2-1 Sinnesübung

Diese Technik verankert dich im Hier und Jetzt. Sie unterbricht Gedankenschleifen und bringt dich zurück in deinen Körper.

Benenne (innerlich oder laut):

  • 5 Dinge, die du siehst (auch mit geschlossenen Augen: Farben, Muster, Licht)
  • 4 Dinge, die du spürst (Unterlage, Decke, Luft, Kleidung)
  • 3 Dinge, die du hörst (Musik, Atmen, Stille)
  • 2 Dinge, die du riechst (Raum, Holz, Kerze, eigene Haut)
  • 1 Ding, das du schmeckst (Speichel, Lippen, Wasser)

Du musst nicht alle finden. Der Prozess des Suchens selbst ist die Erdung.

Technik 2: Atemanker

Wenn alles andere zu komplex ist: Atme.

Einatmen. 4 Sekunden. Ausatmen. 6 Sekunden. Nur das. Nichts sonst.

Der verlängerte Ausatem aktiviert den Parasympathikus — den Teil deines Nervensystems, der für Beruhigung zuständig ist. Das ist keine Theorie, das ist Physiologie.

10 Atemzüge reichen oft, um einen Panikmoment abzufangen.

Technik 3: Name — Alter — Ort

Wenn die Orientierung verloren geht:

  • Wie heißt du? Sag es laut oder innerlich.
  • Wie alt bist du? Erinnere dich an die Zahl.
  • Wo bist du? „Ich bin in einem Retreat. Ich bin sicher."

Das klingt simpel. Aber in einem Moment von Ego-Auflösung kann die Erinnerung an deinen eigenen Namen der Anker sein, der dich hält.

Wann du um Hilfe bitten solltest

Immer, wenn du das Gefühl hast, es allein nicht zu schaffen.

Es gibt kein „zu früh" für Hilfe. Es gibt kein „ich sollte das allein können". Die Facilitator sind genau dafür da.

Du kannst um Hilfe bitten durch:

  • Worte: „Ich brauche Hilfe." Oder: „Bitte setz dich zu mir."
  • Handzeichen: Hebe die Hand. Die Facilitator beobachten den Raum.
  • Berührung: Streck die Hand aus. Jemand wird sie nehmen.

Der häufigste Satz, den Teilnehmer in schwierigen Momenten sagen, ist: „Bitte sitz einfach bei mir." Nicht reden. Nicht erklären. Einfach da sein. Das reicht oft.

Was Facilitator tun können — und was nicht

Was sie tun:

  • Dir Sicherheit geben durch ruhige, präsente Anwesenheit
  • Dich an deinen Atem erinnern
  • Deine Hand halten, wenn du es möchtest
  • Dir Wasser oder eine Decke bringen
  • Dich sanft verbal begleiten — „Du bist sicher. Atme. Das geht vorbei."

Was sie nicht tun:

  • Deine Erfahrung interpretieren oder analysieren
  • Dich aus der Erfahrung „herausholen" (das wäre kontraproduktiv)
  • Entscheidungen für dich treffen
  • Therapie oder medizinische Behandlung durchführen

Facilitator sind Begleiter — keine Therapeuten, keine Ärzte. Sie halten den Raum sicher. Was du innerhalb dieses Raums erlebst, gehört dir.

Ein letzter Gedanke

Schwierige Momente sind kein Zeichen, dass etwas schiefgeht. Sie sind ein Zeichen, dass etwas arbeitet. Dass etwas sich zeigen will, das normalerweise verborgen bleibt.

Das heißt nicht, dass du Leid suchen sollst. Aber wenn es kommt: Du hast Werkzeuge. Du hast Begleitung. Und du weißt jetzt, dass es vorbeigeht.

Atmen. Bleiben. Um Hilfe bitten. Es geht vorbei.

Forschungskontext

Der Begriff „Bad Trip" wird in der modernen psychedelischen Forschung zunehmend vermieden. Forschung zeigte, dass 84 % der Teilnehmer, die eine „herausfordernde" Erfahrung berichteten, diese rückblickend als eine der bedeutsamsten ihres Lebens bewerteten. Schwierig ≠ schlecht. Die Herausforderung kann der wertvollste Teil sein — wenn du die Werkzeuge hast, ihr zu begegnen.

Barrett et al., 2016

Übung

Übung: Dein Notfallkoffer (Schreib es auf!)

Erstelle eine persönliche „Notfall-Karte" auf einer Karteikarte oder einem kleinen Zettel, den du mit zum Retreat nimmst:

Vorderseite:

  • 3 Erdungstechniken in Stichworten
  • Dein persönlicher Beruhigungssatz
  • „Atmen. Bleiben. Es geht vorbei."

Rückseite:

  • Name deines Facilitators (erfährst du bei Ankunft)
  • „Ich darf um Hilfe bitten"
  • Deine Intention (1 Satz)

Du wirst die Karte wahrscheinlich nicht brauchen. Aber zu wissen, dass sie da ist, gibt Sicherheit.