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Psychedelic Facilitation Training — Umfassende Ausbildung für professionelle psychedelische Begleitung.

Psychedelic Facilitation Training

Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.

What you'll learn

  • Du kannst ethische Dilemmata in der psychedelischen Begleitung erkennen und systematisch analysieren
  • Du hast dich mit vier realitätsnahen Szenarien auseinandergesetzt und eigene Handlungsoptionen entwickelt
  • Du verstehst, dass ethische Entscheidungen selten schwarz-weiß sind, aber klare Prinzipien die Navigation erleichtern

Warum Fallstudien?

Ethik lernt man nicht durch das Lesen von Regeln. Man lernt sie, indem man sich mit konkreten Situationen auseinandersetzt — Situationen, die unbequem sind, die keine einfachen Antworten haben, die einen zwingen, die eigenen Prinzipien wirklich zu durchdenken.

Die folgenden vier Fallstudien sind fiktiv, aber realitätsnah. Sie basieren auf dokumentierten Situationen aus der psychedelischen Community. Nimm dir für jede Fallstudie Zeit. Schreibe deine Gedanken auf, bevor du die Analyse liest.


Fallstudie 1: Übertragungsgefühle

Was passiert ist

Lisa (38) nimmt an einem Retreat teil, das von Marco (42) facilitiert wird. Die Erfahrung ist tiefgreifend — Lisa erlebt eine intensive Öffnung, in der sie das erste Mal seit Jahren tiefe Geborgenheit fühlt. Marco begleitet sie ruhig und präsent.

In den Tagen nach dem Retreat schreibt Lisa Marco regelmäßig Nachrichten. Zuerst Integrationsfragen, dann zunehmend persönliche Mitteilungen. Zwei Wochen später gesteht sie ihm, dass sie starke romantische Gefühle für ihn entwickelt hat. Sie sagt: „Niemand hat mich je so gesehen wie du."

Was schiefgehen kann

  • Marco fühlt sich geschmeichelt und erwidert die Gefühle — eine klare Grenzüberschreitung
  • Marco reagiert abweisend und beschämt Lisa — was ihre Verletzlichkeit verstärkt
  • Marco ignoriert die Nachrichten — was Lisa verwirrt und möglicherweise retraumatisiert
  • Marco nutzt die Situation, um Lisa als „Stammkundin" zu halten

Die ethische Antwort

Marco erkennt, was hier passiert: Übertragung. Lisa projiziert ihre Sehnsucht nach Geborgenheit auf die Person, die ihr zuletzt Geborgenheit gegeben hat. Das ist ein normales psychologisches Phänomen.

Marcos Aufgabe:

  1. Benennen, nicht beschämen: „Lisa, was du erlebst, ist ein bekanntes Phänomen. Die intensive Erfahrung hat Bedürfnisse aktiviert, und es ist natürlich, dass du sie auf mich projizierst."
  2. Klare Grenze setzen: „Eine romantische Beziehung zwischen uns ist nicht möglich. Nicht weil etwas mit dir nicht stimmt, sondern weil es unsere Begleitungsbeziehung verletzen würde."
  3. Verweisen: „Ich empfehle dir, diese Gefühle mit einer Therapeutin zu besprechen. Ich kann dir jemanden empfehlen."
  4. Reflexion: Marco bespricht die Situation in seiner Supervision — auch um seine eigene Gegenübertragung zu prüfen.

Fallstudie 2: Offenlegung von Missbrauch

Was passiert ist

Tom (29) befindet sich in einer intensiven psychedelischen Erfahrung. Plötzlich beginnt er zu weinen und sagt: „Mein Onkel hat mir das angetan, als ich sieben war. Ich habe es nie jemandem erzählt."

Die Facilitatorin Sarah erkennt sofort, dass Tom einen sexuellen Missbrauch offenlegt, der bisher unverarbeitet ist. Tom ist emotional aufgewühlt, aber in keiner akuten Krise.

Was schiefgehen kann

  • Sarah versucht, den Missbrauch während der Erfahrung therapeutisch zu „verarbeiten" — weit außerhalb ihrer Kompetenz
  • Sarah drängt Tom, nach der Erfahrung eine Anzeige zu erstatten — übergriffig und bevormundend
  • Sarah zeigt eigene starke emotionale Reaktionen — destabilisiert Tom zusätzlich
  • Sarah spielt die Offenlegung herunter: „Das verarbeiten wir in der Integration" — bagatellisiert Toms Erleben

Die ethische Antwort

Sarah macht folgendes:

  1. Präsenz halten: Sie bleibt ruhig, stabil und mitfühlend. Sie hält den Raum, ohne zu versuchen, etwas zu „lösen"
  2. Bezeugen: „Danke, dass du mir das anvertraust. Das braucht viel Mut. Ich bin hier."
  3. Nicht vertiefen: Sie fragt nicht nach Details. Sie drängt nicht. Sie lässt Tom den Rhythmus bestimmen
  4. Nach der Erfahrung: Sie spricht das Thema vorsichtig an und empfiehlt Tom dringend, sich an einen traumaspezialisierten Therapeuten zu wenden
  5. Supervision: Sie bespricht die Situation in ihrer nächsten Supervision und achtet auf eigene Belastungszeichen

Fallstudie 3: Eigenes Trauma des Facilitators

Was passiert ist

Jan (35) facilitiert eine Einzelbegleitung mit Anna (40). Anna durchlebt eine Phase intensiver Trauer — sie weint, schreit und wiederholt: „Warum hast du mich verlassen?"

Jan merkt, wie seine eigene Brust eng wird. Sein Vater hat die Familie verlassen, als Jan zehn war. Annas Worte treffen ihn wie ein Schlag. Ihm wird schwindelig, seine Hände werden feucht. Er spürt, dass er die Fassung verliert.

Was schiefgehen kann

  • Jan verdrängt seine Reaktion und „funktioniert weiter" — seine Dysregulation überträgt sich auf Anna
  • Jan bricht emotional zusammen — Anna muss sich plötzlich um ihren Facilitator kümmern (Rollenumkehr)
  • Jan beendet die Sitzung abrupt — Anna fühlt sich im Stich gelassen, genau im Thema der Verlassenheit
  • Jan projiziert seine eigenen Themen auf Annas Erfahrung: „Du musst deinem Vater vergeben"

Die ethische Antwort

  1. Eigene Regulation: Jan wendet sofort die Selbstregulationstechniken an, die er gelernt hat — bewusstes Atmen, Füße auf dem Boden spüren, innere Erlaubnis geben, dass eigenes Material da ist, ohne es zu unterdrücken
  2. Transparenz ohne Überlastung: Wenn Jan merkt, dass er nicht reguliert bleiben kann, sagt er ehrlich: „Anna, ich spüre gerade, dass etwas in mir angetriggert wird. Ich möchte sicherstellen, dass du die beste Begleitung bekommst. Ich rufe jetzt meinen Co-Facilitator."
  3. Co-Facilitation: Idealerweise ist ein zweiter Facilitator verfügbar, der übernehmen kann
  4. Nacharbeit: Jan bearbeitet sein eigenes Material in seiner persönlichen Arbeit — nicht während der Begleitung
  5. Lernen: In der Supervision reflektiert Jan, ob er vor dieser Begleitung hätte erkennen können, dass dieses Thema ihn triggern würde

Fallstudie 4: Dosierungswünsche

Was passiert ist

Michael (45) nimmt an einem Retreat teil. Vor der Erfahrung hat er umfangreiche Erfahrung mit verschiedenen Substanzen angegeben. Er empfindet die bereitgestellte Menge als zu gering und fordert: „Ich brauche deutlich mehr. Das letzte Mal habe ich das Dreifache genommen."

Die Facilitatorin Klara ist unsicher. Michael wirkt erfahren und selbstbewusst. Sie möchte ihn nicht bevormunden.

Was schiefgehen kann

  • Klara gibt Michaels Druck nach — sie übernimmt die Verantwortung für eine Menge, die sie nicht einschätzen kann
  • Klara lehnt pauschal ab, ohne Erklärung — Michael fühlt sich nicht ernst genommen
  • Klara diskutiert endlos — die Gruppendynamik wird gestört, andere Teilnehmer verunsichert

Die ethische Antwort

  1. Rahmen klarstellen: Klara hat vor dem Retreat klare Rahmenbedingungen kommuniziert. Daran hält sie fest: „Michael, ich verstehe deinen Wunsch. Und ich nehme deine Erfahrung ernst. Gleichzeitig ist der Rahmen, den wir hier bieten, klar definiert."
  2. Nicht verhandeln unter Druck: Die Menge wird nicht unter Zeitdruck geändert
  3. Eigenverantwortung anerkennen: „Was du in deinem privaten Rahmen tust, ist deine Sache. Hier arbeiten wir innerhalb der Parameter, die wir als sicher einschätzen."
  4. Perspektive bieten: „Meine Erfahrung zeigt, dass weniger oft mehr ist — besonders in einem begleiteten Setting, das die Erfahrung auf andere Weise vertieft."

Wichtig

Ein Facilitator berät zu Mengenentscheidungen, stellt aber keine Substanzen bereit. Die Verantwortung für den Eigenkonsum liegt beim Teilnehmern. Diese Unterscheidung ist rechtlich und ethisch entscheidend.


Reflexionsfragen für alle Fallstudien

Für jede Fallstudie, beantworte:

  1. Was wäre mein erster Impuls gewesen? (Ehrlich, nicht idealisiert)
  2. Welches ethische Prinzip steht hier im Mittelpunkt?
  3. Was wäre die schlimmste Konsequenz eines falschen Handelns?
  4. Wie könnte ich mich vorbereiten, damit ich in einer solchen Situation klug handle?
  5. Mit wem würde ich diese Situation besprechen?

Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Research Context

Forschung deutet darauf hin, dass ethische Entscheidungsfähigkeit durch Übung trainiert werden kann — ähnlich wie ein Muskel. Facilitatoren, die regelmäßig ethische Szenarien durchspielen, treffen in Realsituationen schneller und sicherer die richtigen Entscheidungen.

Rest, 1986

Exercise

Gruppenübung:

Besprecht jede Fallstudie in eurer Peer-Gruppe. Lasst jede Person zunächst ihre spontane Reaktion teilen, bevor ihr gemeinsam die strukturierte Analyse durchgeht.

Achtet darauf, wo eure Einschätzungen auseinandergehen — genau dort liegt das wertvollste Lernmaterial.