
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
What you'll learn
Verschiedene Formen somatischer Entladung erkennen und einordnen können Den Unterschied zwischen produktiver Entladung und Notfallsituation verstehen Raum für körperliche Prozesse halten, ohne einzugreifen, wo es nicht nötig ist Kontraindikationen und Grenzen somatischer Entladung kennen
Somatische Entladung & Körperprozesse
Was ist somatische Entladung?
Der Körper verarbeitet Erfahrungen auf seine eigene Weise — durch Bewegung, Zittern, Lautäußerungen und andere physische Prozesse. In der psychedelischen Erfahrung werden diese natürlichen Entladungsmechanismen oft aktiviert und intensiviert. Als Facilitator wirst du regelmäßig Zeuge solcher Prozesse.
David Berceli hat gezeigt, dass der menschliche Körper — wie der von Tieren — über einen eingebauten Mechanismus verfügt, um Anspannung und Stress körperlich abzubauen. In der modernen Gesellschaft haben wir gelernt, diese natürlichen Reaktionen zu unterdrücken. Psychedelische Substanzen können diese Unterdrückung vorübergehend aufheben.
Formen der somatischen Entladung
Zittern und Tremor
Was passiert: Unwillkürliches Zittern, meist in den Beinen, Armen oder am ganzen Körper. Kann fein oder grob sein, wenige Sekunden bis viele Minuten andauern.
Bedeutung: Das Nervensystem entlädt überschüssige Aktivierung. Dies ist ein gesunder, natürlicher Prozess.
Deine Rolle:
- Normalisiere: „Dein Körper löst gerade Anspannung. Das ist völlig in Ordnung."
- Greife nicht ein, solange der Teilnehmer sich sicher fühlt
- Biete eine Decke an, wenn es kalt wird
- Stelle sicher, dass keine Verletzungsgefahr besteht (Kopf schützen, scharfe Kanten entfernen)
Spontane Bewegungen
Was passiert: Der Körper beginnt sich von selbst zu bewegen — Dehnen, Strecken, Winden, fötale Position einnehmen, sich hin und her wiegen.
Bedeutung: Der Körper sucht eine Position oder Bewegung, die den inneren Prozess unterstützt. Oft werden Bewegungen nachgeholt, die in der ursprünglichen Situation unterdrückt wurden.
Deine Rolle:
- Schaffe genug Platz für Bewegung
- Schütze vor Verletzungen, ohne die Bewegung zu stoppen
- Biete Kissen oder Polster an, wenn der Teilnehmer auf hartem Boden liegt
Weinen
Was passiert: Tiefes Schluchzen, stilles Weinen, Tränen ohne erkennbaren Grund.
Bedeutung: Emotionale Entladung. Weinen aktiviert den Parasympathikus und wirkt auf das Nervensystem beruhigend.
Deine Rolle:
- Sei präsent, ohne zu trösten — „Es ist okay, lass es fließen."
- Biete Taschentücher an, aber versuche nicht, das Weinen zu beenden
- Vermeide Fragen wie „Was ist los?" oder „Warum weinst du?"
- Halte Raum — deine ruhige Anwesenheit ist genug
Schreien und Vokalisierung
Was passiert: Lautes Schreien, Stöhnen, Brummen, Summen oder andere Lautäußerungen. Kann erschreckend wirken, ist aber meist ein gesunder Ausdruck.
Bedeutung: Entladung von Energie, Ausdruck von Emotionen, die verbal nicht fassbar sind.
Deine Rolle:
- Stelle sicher, dass der Raum schallisoliert genug ist (plane dies vorher ein)
- Ermutige, wenn angemessen: „Lass es raus, der Raum ist sicher."
- Biete ein Kissen zum Hineinschreien an, wenn der Raum nicht schalldicht ist
- Informiere andere Teilnehmer vorab, dass Lautäußerungen normal sind
Übelkeit und Erbrechen
Was passiert: Übelkeit, Würgen, Erbrechen. In manchen Traditionen als „Purging" oder Reinigung verstanden.
Bedeutung: Kann sowohl physiologisch (Substanz-Wirkung) als auch psychosomatisch (emotionale Entladung) bedingt sein.
Deine Rolle:
- Halte einen Eimer oder eine Schüssel bereit — immer
- Unterstütze die Position (seitlich oder aufrecht, nie auf dem Rücken)
- Biete Wasser zum Nachspülen an
- Normalisiere: „Das kommt vor und ist in Ordnung."
Wann eingreifen — wann halten?
Dies ist die zentrale Frage in der somatischen Begleitung. Die Faustregel:
Halten (nicht eingreifen), wenn:
- Der Teilnehmer atmet weiterhin
- Es keine Verletzungsgefahr gibt
- Der Prozess sich von selbst entwickelt und verändert
- Der Teilnehmer auf Ansprache reagiert (auch nonverbal)
- Der Teilnehmer hat vorab zugestimmt, dass körperliche Prozesse zugelassen werden
Eingreifen, wenn:
- Atemstillstand oder extrem flache Atmung
- Selbstverletzung (Kopf gegen Wand schlagen, sich kratzen bis Blut kommt)
- Der Teilnehmer um Hilfe bittet
- Krampfanfälle (medizinischer Notfall — Notruf)
- Der Prozess eskaliert, ohne sich zu lösen (über 30 Minuten steigende Intensität)
Kontraindikationen
Sei besonders vorsichtig bei:
- Herz-Kreislauf-Belastungen — starke körperliche Prozesse erhöhen Puls und Blutdruck
- Frische Operationen oder Verletzungen — heftige Bewegungen können schaden
- Schwere psychische Instabilität — somatische Entladung kann destabilisierend wirken
- Unvorbereitete Teilnehmer — wer nicht über somatische Prozesse aufgeklärt ist, kann panisch reagieren
Nachbereitung
Nach intensiven körperlichen Prozessen:
- Ruhe — Biete eine Phase der Stille an
- Wärme — Decke, warmer Tee
- Wasser — Der Körper braucht Flüssigkeit
- Nicht sofort reden — Lass den Körper ankommen, bevor der Verstand übernimmt
- Integration — Im späteren Gespräch: „Was hast du in deinem Körper erlebt?" statt „Was hat das bedeutet?"
Für dich als Facilitator
Somatische Prozesse zu begleiten kann emotional fordernd sein. Lautes Schreien, intensives Zittern oder stundenlanges Weinen gehen nicht spurlos an dir vorüber.
Selbstfürsorge:
- Nimm dir nach jeder Sitzung Zeit zur eigenen Regulation
- Nutze Supervision, um belastende Erfahrungen zu verarbeiten
- Kenne deine eigenen somatischen Muster — was löst dein Körper aus, wenn du unter Stress stehst?
- Entwickle ein persönliches Grounding-Ritual für nach der Sitzung
Research Context
David Berceli entwickelte die Tension & Trauma Releasing Exercises (TRE) auf Basis der Beobachtung, dass Tiere nach Bedrohungssituationen instinktiv zittern, um Stresshormone abzubauen. Peter Levine beschreibt in „Waking the Tiger" (1997), dass die Unterdrückung dieser natürlichen Entladung zur Chronifizierung von Stressreaktionen beitragen kann.
Forschung deutet darauf hin, dass neurogenes Zittern die Aktivierung des Nervensystems reduzieren und ein Gefühl der Erleichterung fördern kann (Berceli, „The Revolutionary Trauma Release Process", 2008).
Exercise
Viele Facilitatoren haben den Impuls, körperliche Prozesse zu stoppen — Zittern zu beruhigen, Weinen zu trösten, Schreien zu dämpfen. Lerne, diesen Impuls zu erkennen und ihm nicht automatisch zu folgen. Manchmal ist das Wichtigste, was du tun kannst: da sein und nichts tun.