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Psychedelic Facilitation Training — Umfassende Ausbildung für professionelle psychedelische Begleitung.

Psychedelic Facilitation Training

Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.

What you'll learn

  • Du kennst das 7-Schritte-Notfallprotokoll und kannst es unter Druck abrufen
  • Du kannst zwischen psychologischen und medizinischen Notfällen unterscheiden
  • Du weißt, wann und wie du den Rettungsdienst rufst — und was du den Sanitätern sagst

Warum du ein Protokoll brauchst

Notfallprotokoll-Stufen: Fünf Eskalationsstufen vom leichten Unbehagen bis zum medizinischen Notfall als Dringlichkeits-Pyramide

In einer Krise denkst du nicht klar. Das ist keine Schwäche — das ist Biologie. Wenn dein Sympathikus aktiviert ist, wenn Adrenalin fließt, wenn du Angst hast, schaltet dein präfrontaler Kortex in den Hintergrund. Kreatives Denken, flexible Problemlösung, ruhige Abwägung — das alles wird eingeschränkt.

Deshalb brauchst du ein Protokoll. Nicht als starres Regelwerk, sondern als Leitplanke, die dich hält, wenn dein eigenes Denken versagt. Du hast es geübt, du hast es verinnerlicht, und wenn der Moment kommt, trägst du es in dir.

Das 7-Schritte-Notfallprotokoll

Schritt 1: Sicherheit einschätzen — Deine und ihre

Bevor du irgendetwas tust: Bist DU sicher? Und ist die Person sicher?

Prüfe:

  • Gibt es physische Gefahren? Scharfe Gegenstände, offene Fenster, Treppen in der Nähe?
  • Ist die Person in einer Position, in der sie sich verletzen könnte?
  • Bist du selbst in einer Position, in der du verletzt werden könntest? (Bei aggressivem Verhalten: Abstand halten!)
  • Gibt es andere Teilnehmer, die gefährdet sind?

Wenn physische Gefahr besteht: Erst die Gefahrenquelle entfernen oder die Person von der Gefahrenquelle entfernen, dann weiter mit Schritt 2.

Schritt 2: Dich selbst erden — Du zuerst

Du kannst niemandem helfen, wenn du selbst dysreguliert bist. Das ist kein Egoismus — das ist Voraussetzung.

30-Sekunden-Selbstregulation:

  • Drei tiefe Atemzüge. Bauch, nicht Brust.
  • Füße spüren. Boden unter dir.
  • Schultern runter. Kiefer lockern.
  • Ein Satz an dich selbst: „Ich bin vorbereitet. Ich kann das."

Wenn du einen Co-Facilitator hast: Kurzer Blickkontakt, kurzes Nicken — ihr seid synchron. Einer führt, der andere unterstützt. Klärt das mit einem Blick — keine langen Diskussionen.

Schritt 3: Kontakt herstellen — Verbal, dann körperlich

Verbal zuerst — immer:

Geh in die Nähe der Person (aber nicht zu nah, wenn sie paranoid oder aggressiv ist). Sprich ihren Namen. Langsam, klar, warm.

„[Name]. Ich bin hier. Ich bin [dein Name]. Du bist sicher."

Wiederhole diese Kernbotschaften. Die Person hört vielleicht nicht beim ersten Mal — aber die Wiederholung dringt durch.

Körperlich nur mit Consent:

Wenn die Person auf verbalen Kontakt reagiert und du das Gefühl hast, dass Berührung helfen könnte: „Darf ich deine Hand nehmen?" Nur mit klarem Ja.

Wenn die Person nicht auf verbalen Kontakt reagiert (katatonisch, dissoziiert): Sanfte Berührung an der Schulter als letztes Mittel, um Kontakt herzustellen. Kündige es an: „Ich werde jetzt deine Schulter berühren."

Schritt 4: Verbales Grounding

Wenn du Kontakt hergestellt hast, bringe die Person zurück in die Realität — Stück für Stück.

Das Grounding-Skript:

  • „Du heißt [Name]."
  • „Du bist bei [Ort]."
  • „Es ist [Tageszeit], [Wochentag]."
  • „Du hast [Substanz] eingenommen, vor [Zeitdauer]."
  • „Du bist sicher. Ich bin bei dir."

Wiederhole diese Informationen so oft wie nötig. Sprich langsam. Lass Pausen. Dränge nicht.

5-4-3-2-1-Technik (wenn die Person aufnahmefähig ist):

  • „Sag mir fünf Dinge, die du sehen kannst."
  • „Sag mir vier Dinge, die du hören kannst."
  • „Sag mir drei Dinge, die du fühlen (anfassen) kannst."
  • „Sag mir zwei Dinge, die du riechen kannst."
  • „Sag mir eine Sache, die du schmecken kannst."

Diese sensorische Übung zieht die Aufmerksamkeit aus dem inneren Erleben in die äußere Realität. Funktioniert nicht bei allen — aber wenn sie funktioniert, ist sie sehr wirksam.

Schritt 5: Physisches Grounding

Parallel zum verbalen Grounding oder wenn verbale Interventionen nicht durchdringen:

  • Decke über die Person legen (Gewicht = Sicherheit)
  • Füße auf den Boden stellen (wenn die Person sitzt oder liegt)
  • Kaltes Wasser: Lappen auf Handgelenke oder Nacken
  • Etwas zum Halten geben: Ein Kissen, ein Stein, etwas Greifbares
  • Wenn möglich: frische Luft — Fenster öffnen oder kurz nach draußen begleiten

Schritt 6: Evaluieren — Psychologisch oder medizinisch?

Jetzt, wo die akute Krise stabilisiert ist oder du zumindest Kontakt hast, stellst du die entscheidende Frage: Ist das ein psychologischer oder ein medizinischer Notfall?

Psychologischer Notfall (häufig):

  • Intensive Angst, Panik, Weinen, Schreien
  • Ego-Auflösung, existenzielle Krise
  • Dissoziation, Katatonie
  • Paranoia, Verwirrtheit
  • Trauma-Wiedererfahrung

→ Fortsetzen mit psychologischer Begleitung (Schritte 1–5 weiter anwenden, Situation beobachten)

Medizinischer Notfall (selten, aber ernst):

  • Bewusstlosigkeit oder nicht ansprechbar UND keine Reaktion auf sensorische Reize
  • Krampfanfälle
  • Atemnot, die nicht auf Hyperventilation zurückzuführen ist
  • Brustschmerzen
  • Allergische Reaktion (Schwellung, Ausschlag)
  • Erbrechen bei Bewusstlosigkeit (Aspirationsgefahr!)
  • Extrem erhöhte Körpertemperatur (Hyperthermie)

→ Sofort Rettungsdienst rufen (Schritt 7)

Grauzone — engmaschig beobachten:

  • Anhaltendes Erbrechen (Dehydrierung möglich)
  • Starkes Schwitzen bei gleichzeitiger Verwirrung (Serotonin-Syndrom?)
  • Psychose-ähnliche Zustände, die länger als erwartet anhalten

Schritt 7: Rettungsdienst — Wenn medizinisch notwendig

Wann du den Notruf wählst (112):

Immer, wenn du medizinische Zeichen siehst, die du nicht einordnen kannst. Immer, wenn du dir unsicher bist, ob es medizinisch ist. Lieber einmal zu oft als einmal zu wenig.

Was du den Sanitätern sagst:

Sei ehrlich, klar und präzise. Das Rettungspersonal unterliegt der Schweigepflicht — sie sind nicht die Polizei.

  1. „Die Person hat eine psychoaktive Substanz eingenommen."
  2. Substanz benennen (wenn bekannt): „Es handelt sich um [Substanzname]."
  3. Dosierung (wenn bekannt)
  4. Zeitpunkt der Einnahme
  5. Symptome, die du beobachtest
  6. Ob die Person andere Substanzen oder Medikamente eingenommen hat (wenn bekannt)
  7. Vorerkrankungen (wenn bekannt)

Was du NICHT tust:

  • Lügen oder verschleiern — das gefährdet die Person
  • Lange Erklärungen über das Retreat geben — bleib bei den medizinischen Fakten
  • Die Person allein lassen, während du telefonierst — wenn möglich, schicke jemand anderen zum Telefon

Post-Krisen-Versorgung

Die Krise ist vorbei — aber die Arbeit nicht. Was passiert danach, ist ebenso wichtig:

Unmittelbar danach:

  • Bleibe bei der Person. Verlasse den Raum nicht, bis sie stabil ist
  • Biete Wasser, eine Decke, Stille an
  • Frage: „Brauchst du gerade etwas?" — und akzeptiere jede Antwort
  • Wenn die Person sprechen möchte: höre zu. Wenn nicht: sei still

In den nächsten Stunden:

  • Regelmäßig checken — auch wenn die Person sagt, es gehe ihr gut
  • Sicherstellen, dass sie nicht allein nach Hause fährt oder geht
  • Essen und Trinken anbieten

Am nächsten Tag:

  • Nachgespräch anbieten (nicht erzwingen)
  • Auf professionelle Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen
  • Sicherstellen, dass die Person ein Unterstützungsnetzwerk hat

Dokumentation

Jede Krise wird dokumentiert — sachlich, präzise, zeitnah.

Was du dokumentierst:

  • Datum und Uhrzeit
  • Substanz und Dosierung (wenn bekannt)
  • Was passiert ist (Beobachtungen, nicht Interpretationen)
  • Welche Interventionen du eingesetzt hast
  • Wie die Person reagiert hat
  • Ob der Rettungsdienst gerufen wurde (und wenn ja: warum)
  • Zustand der Person bei Übergabe oder am Ende der Begleitung

Warum:

  • Für die Supervision (Pflicht innerhalb von 72 Stunden)
  • Für die eigene Reflexion
  • Für die Qualitätssicherung
  • NICHT als Absicherung gegen Haftung — das ist nicht der Zweck

Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Im medizinischen Notfall immer den Rettungsdienst (112) rufen.

Research Context

Forschung deutet darauf hin, dass die meisten psychedelischen Notfälle psychologischer und nicht medizinischer Natur sind.

Johnson et al. (2018) berichteten in einer Analyse von über 100 klinischen Psilocybin-Sitzungen, dass keine einzige einen medizinischen Notfall darstellte — obwohl viele Sitzungen intensive psychologische Krisen beinhalteten, die durch geschulte Begleitung sicher aufgefangen wurden.

Exercise

Übung — Notfallprotokoll-Drill:

Gehe das 7-Schritte-Protokoll aus dem Gedächtnis durch. Schreib es auf, ohne in die Unterlagen zu schauen. Vergleiche. Wiederhole, bis du die Schritte ohne Nachdenken abrufen kannst.

Dann: Übe es mit einer Partnerperson — eine spielt die Krise, du gehst das Protokoll durch. Debrieft danach. Übe regelmäßig — diese Fähigkeit darf niemals einrosten.