
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
What you'll learn
Du hast konkrete Handlungsoptionen für sieben typische Krisenszenarien erarbeitet Du kannst unter Druck schnell einschätzen, welche Intervention angemessen ist Du erkennst, wann dein eigenes Triggering Teil der Situation wird — und weißt, was dann zu tun ist
Warum Szenariotraining?
Du kannst alle Theorie der Welt lesen. Du kannst jedes Protokoll auswendig kennen. Aber wenn eine echte Person vor dir liegt und schreit, wenn jemand aufsteht und auf die Tür zurennt, wenn jemand zwei Stunden reglos daliegt — dann zählt nicht, was du weißt. Dann zählt, was du getan hast. Was du geübt hast. Was in deinem Körper gespeichert ist, nicht nur in deinem Kopf.
Szenariotraining ist das Herzstück deiner praktischen Ausbildung. Es schließt die Lücke zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissen und Können.
Die folgenden sieben Szenarien decken die häufigsten und herausforderndsten Situationen ab, die dir als Facilitator begegnen können. Für jedes Szenario bekommst du: eine Beschreibung, Einschätzungsfragen, mögliche Interventionen, was du vermeiden solltest und Reflexionsfragen für danach.
Szenario 1: Plötzliches Aufstehen und Rauswollen
Beschreibung: Die Person liegt seit einer Stunde ruhig. Plötzlich öffnet sie die Augen, setzt sich auf, steht auf und geht Richtung Tür. Sie sagt: „Ich muss hier raus. Sofort. Lass mich raus."
Was du einschätzen musst:
- Ist die Person orientiert? Weiß sie, wo sie ist?
- Ist sie motorisch sicher? Kann sie gehen, ohne zu stürzen?
- Ist es Fluchtimpuls (Angst) oder ein reales Bedürfnis (frische Luft, Toilette)?
- Gibt es Gefahren außerhalb des Raums (Treppen, Straße)?
Mögliche Interventionen:
- Steh ruhig auf. Folge der Person, ohne zu blockieren
- „Ich gehe mit dir. Sag mir, was du brauchst."
- Wenn sie orientiert und sicher ist: Begleite sie nach draußen. Frische Luft kann helfen
- Wenn sie desorientiert ist: „Warte kurz. Lass uns einen Moment stehen bleiben. Spür deine Füße."
- Blockiere NIEMALS die Tür. Das erzeugt Panik und Kontrollverlust
Was du vermeidest: Körperliches Festhalten (es sei denn, akute Selbstgefährdung). Autoritative Sprache wie „Du bleibst hier!" Diskussion oder Argumentation.
Reflexionsfragen: Was ist dein erster Impuls, wenn jemand aufsteht und gehen will? Ist es Kontrolle oder Begleitung? Was würdest du tun, wenn die Person auf eine befahrene Straße zugeht?
Szenario 2: Katatonie — Völlige Reglosigkeit
Beschreibung: Die Person liegt seit zwei Stunden absolut reglos. Augen geschlossen, Körper entspannt, keine sichtbare Reaktion auf äußere Reize. Du bist dir nicht sicher, ob sie tief im Prozess ist oder dissoziiert.
Was du einschätzen musst:
- Atmet die Person regelmäßig? (Beobachte Brustkorb oder Bauch)
- Reagiert sie auf sanfte Ansprache mit ihrem Namen?
- Verändert sich etwas, wenn du Musik wechselst oder den Raum lüftest?
- Ist der Muskeltonus normal oder starr (Katalepsie)?
Mögliche Interventionen:
- Zuallererst: Atmung prüfen. Regelmäßige Atmung → kein medizinischer Notfall
- Leise ansprechen: „[Name], ich bin hier. Alles ist gut."
- Sanft prüfen: „Wenn du mich hörst, bewege bitte einen Finger." (Manchmal reicht das)
- Wenn keine Reaktion: Musik leicht verändern, Decke leicht anpassen, sanften Reiz setzen (kühler Lappen an der Hand)
- Geduld: Manche tiefen Erfahrungen sehen von außen aus wie Katatonie, sind aber intensives inneres Erleben
Was du vermeidest: Rütteln, lautes Ansprechen, hektische Bewegungen. Nicht aus Angst handeln — nur weil es von außen still aussieht, heißt es nicht, dass etwas falsch ist.
Reflexionsfragen: Wie gehst du mit der Unsicherheit um, nicht zu wissen, was jemand innerlich erlebt? Ab welchem Punkt würdest du medizinische Hilfe hinzuziehen?
Szenario 3: Schreien und Sich-Winden
Beschreibung: Die Person beginnt zu schreien, wälzt sich auf der Matratze, schlägt mit den Armen um sich. Es ist unklar, ob dies ein emotionaler Ausdruck oder ein Zeichen von akutem Leiden ist.
Was du einschätzen musst:
- Ist die Person bei Bewusstsein und im Prozess — oder bewusstlos und krampfend?
- Besteht Verletzungsgefahr (Kopf gegen Wand, Arm gegen Kante)?
- Reagiert sie auf Ansprache?
- Ist das emotionale Entladung (kathartisch) oder Panik?
Mögliche Interventionen:
- Sicherheit schaffen: Gegenstände in Reichweite entfernen, Kissen als Schutz positionieren
- Raum geben — nicht zu nah, aber präsent
- Ruhig und klar: „Ich bin hier. Du bist sicher. Lass es raus."
- Wenn kathartisch: Nicht unterbrechen. Das kann die wichtigste Arbeit der gesamten Erfahrung sein
- Wenn panisch: Grounding anbieten — „Spür den Boden unter dir. Atme mit mir."
Was du vermeidest: Festhalten (erhöht Panik). „Beruhige dich" sagen. Erschreckt wirken — deine Angst verstärkt ihre. Andere Teilnehmer in den Raum lassen.
Reflexionsfragen: Wie reagierst du auf laute Emotionen? Hast du selbst Angst vor unkontrollierten Ausdrücken? Was brauchst du, um in einer solchen Situation ruhig zu bleiben?
Szenario 4: „Ich muss ins Krankenhaus"
Beschreibung: Die Person sagt klar und bestimmt: „Ich glaube, ich muss ins Krankenhaus. Da stimmt etwas nicht."
Was du einschätzen musst:
- Gibt es objektive medizinische Zeichen? (Atemnot, Brustschmerzen, Krampfanfälle, Hautfarbe, Temperatur)
- Oder ist die Angst das Symptom? (Panikattacke, die sich wie Herzinfarkt anfühlt)
- Ist die Person orientiert genug, um ihren Zustand realistisch einzuschätzen?
Mögliche Interventionen:
- Nimm die Aussage ernst. Immer. „Danke, dass du mir das sagst. Lass uns zusammen schauen, was los ist."
- Vitalzeichen prüfen (wenn du geschult bist): Puls, Atmung, Temperatur, Hautfarbe
- Wenn keine medizinischen Zeichen: „Ich sehe gerade keine Zeichen, die mich besorgen. Was fühlst du genau?"
- Wenn medizinische Zeichen vorhanden: Rettungsdienst rufen. Keine Diskussion.
- Wenn unklar: Engmaschig beobachten, regelmäßig prüfen, niedrige Schwelle für den Notruf
Was du vermeidest: „Das ist nur die Angst" — vielleicht stimmt das, aber du bist kein Arzt. Lieber einmal zu vorsichtig als einmal zu spät. Die Person niemals überreden, NICHT ins Krankenhaus zu gehen — wenn sie will, respektiere das.
Reflexionsfragen: Wie gehst du mit der Verantwortung um, wenn du entscheiden musst, ob ein Notfall vorliegt? Was ist deine persönliche Schwelle für den Notruf?
Szenario 5: Sexuell unangemessenes Verhalten
Beschreibung: Die Person beginnt, sich auszuziehen, macht sexuelle Bemerkungen oder versucht, dich oder andere zu berühren.
Was du einschätzen musst:
- Ist das enthemmtes Verhalten (die Person ist nicht bei klarem Bewusstsein)?
- Ist es ein Ausdruck von innerem Erleben (körperliche Öffnung, Energie, die als sexuell interpretiert wird)?
- Besteht Grenzüberschreitung gegenüber dir oder anderen?
Mögliche Interventionen:
- Klare Grenze setzen: „Ich begleite dich. Berührung zwischen uns ist nicht Teil davon."
- Wenn sich die Person auszieht: Decke anbieten, nicht beschämen. „Hier ist eine Decke für dich."
- Privatsphäre anderer schützen: Sicherstellen, dass andere Teilnehmer nicht betroffen sind
- Umlenken: „Spür die Energie in deinem Körper. Du musst nichts damit tun."
- Ruhig und nicht wertend bleiben — Scham kann die Situation eskalieren
Was du vermeidest: Beschämen, moralisieren, Vorwürfe machen. Die Person ist in einem veränderten Zustand und möglicherweise nicht voll verantwortlich für ihr Verhalten. Gleichzeitig: Deine Grenzen sind nicht verhandelbar.
Reflexionsfragen: Wo liegt deine persönliche Grenze? Wie reagierst du, wenn jemand deine Grenzen überschreitet — mit Ärger, Angst, Freeze? Was brauchst du, um professionell zu bleiben?
Szenario 6: Hyperventilation
Beschreibung: Die Person atmet schnell und flach, klagt über Kribbeln in den Händen, Schwindel, das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen.
Was du einschätzen musst:
- Klassische Hyperventilation (Angst-getrieben, keine medizinische Ursache)?
- Oder gibt es Hinweise auf eine tatsächliche Atemwegsbeeinträchtigung?
- Wie lange dauert es schon?
Mögliche Interventionen:
- Ruhig bleiben — Hyperventilation sieht dramatisch aus, ist aber in der Regel nicht gefährlich
- Modellierung: Atme selbst demonstrativ langsam und hörbar — die Person synchronisiert sich oft automatisch
- Verbal führen: „Atme mit mir ein… und langsam aus. Noch einmal. Dein Körper weiß, wie das geht."
- Verlängertes Ausatmen: „Atme ein bis drei — und aus bis sechs." Aktiviert den Vagusnerv
- In eine Tüte atmen: Funktioniert physiologisch (CO₂-Rückatmung), aber kann in psychedelischen Zuständen beängstigend wirken — nur einsetzen, wenn andere Methoden versagen
Was du vermeidest: Hektik. „Du hyperventilierst!" (macht es schlimmer). Zu viele Worte — wenige, klare Atemanweisungen reichen.
Reflexionsfragen: Hast du selbst Erfahrung mit Hyperventilation? Wie fühlt es sich an, jemandem beim Hyperventilieren zuzusehen? Welcher deiner eigenen Trigger könnte hier aktiviert werden?
Szenario 7: Du selbst wirst getriggert
Beschreibung: Was die teilnehmende Person erlebt, löst etwas in dir aus. Eigene Erinnerungen steigen auf. Angst. Trauer. Der Impuls, den Raum zu verlassen. Du merkst: Du bist nicht mehr der Facilitator — du bist in deinem eigenen Prozess.
Was du einschätzen musst:
- Wie stark bin ich beeinträchtigt? Kann ich noch klar denken und handeln?
- Ist die teilnehmende Person gerade in einer Phase, die meine volle Aufmerksamkeit braucht?
- Habe ich einen Co-Facilitator, der übernehmen kann?
Mögliche Interventionen:
- Erkenne es an: „Ich bin gerade getriggert." Schon das Benennen reduziert die Intensität
- Atme. Drei Atemzüge. Füße spüren. Raum wahrnehmen
- Wenn du einen Co-Facilitator hast: Signalisiere, dass du Unterstützung brauchst. Kurzes Zeichen, keine Erklärung nötig
- Wenn du allein bist und die teilnehmende Person gerade stabil ist: Kurz den Raum verlassen (30 Sekunden Wasser ins Gesicht, atmen, zurückkommen)
- Wenn du allein bist und die Person deine Hilfe braucht: Priorisiere ihre Sicherheit. Dein Prozess kommt danach
Was du vermeidest: So tun, als wäre alles in Ordnung, wenn es das nicht ist. Deine Trigger auf die teilnehmende Person projizieren. Die Session abbrechen, wenn es nicht notwendig ist.
Reflexionsfragen: Welche Themen triggern dich am stärksten? Was sind deine Warnsignale, dass du dich nicht mehr im Facilitator-Modus befindest? Was ist dein persönlicher Notfallplan, wenn du getriggert wirst?
Generelle Reflexion
Szenariotraining endet nicht mit dieser Lektion. Es ist eine fortlaufende Praxis. Komme regelmäßig zu diesen Szenarien zurück. Spiele sie mit Kollegen durch. Verändere die Details. Mache sie schwieriger.
Und nach jeder echten Krise: Reflektiere. Was lief gut? Was würdest du anders machen? Welches Szenario kam der realen Situation am nächsten — und wo gab es Abweichungen?
Deine Kompetenz als Facilitator zeigt sich nicht in den einfachen Momenten. Sie zeigt sich genau hier.
Research Context
Forschung deutet darauf hin, dass szenariobasiertes Training die Handlungskompetenz in Stresssituationen signifikant verbessert.
Salomons et al. (2021) zeigten in einem Review über Kriseninterventionstraining, dass wiederholtes Durchspielen konkreter Szenarien die Reaktionszeit verkürzt und die Qualität der Entscheidungen unter Druck erhöht — ein Prinzip, das aus der Notfallmedizin auf psychedelische Begleitungskontexte übertragen werden kann.
Exercise
Übung — Szenario-Rotation:
Bildet Dreiergruppen. Person A spielt die teilnehmende Person, Person B den Facilitator, Person C beobachtet und gibt Feedback. Wählt ein Szenario aus der Lektion. Spielt es 10 Minuten durch.
Dann: Person C gibt 5 Minuten Feedback (Was war gut? Was hättest du anders gemacht?). Rotiert, bis jede Person jede Rolle gespielt hat. Dokumentiert eure Erkenntnisse.