
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
What you'll learn
Du verstehst die Prinzipien der Council-Praxis und des Redekreises als Integrationsformat Du kannst einen sicheren Sharing Circle aufsetzen, moderieren und abschließen Du erkennst den Unterschied zwischen Zeugenschaft und Ratschlag — und kannst ihn in der Gruppe vermitteln
Sharing Circles & Gemeinschaft
Die Kraft des Kreises
Es gibt etwas Uraltes und zutiefst Menschliches daran, im Kreis zu sitzen und einander zuzuhören. Sharing Circles sind eines der wirksamsten Integrationsformate — nicht weil dort besonders kluge Dinge gesagt werden, sondern weil dort etwas geschieht, das in unserer modernen Welt selten geworden ist: echte Zeugenschaft.
Ein Sharing Circle ist kein Gespräch. Es ist keine Diskussion. Es ist kein Austausch von Meinungen. Es ist ein Raum, in dem Menschen nacheinander ihre Wahrheit sprechen — und alle anderen hören zu. Ohne Kommentar. Ohne Ratschlag. Ohne Vergleich.
Die Council-Praxis
Die Council-Methode basiert auf vier Grundprinzipien:
Sprich aus dem Herzen: Sage, was wahr ist — nicht, was klug klingt. Sprich von dem, was dich wirklich bewegt, nicht von dem, was du glaubst, sagen zu müssen.
Höre aus dem Herzen: Höre nicht, um zu antworten. Höre, um zu verstehen. Lass das Gesagte in dich einsinken, ohne es sofort zu bewerten oder mit deiner eigenen Geschichte zu vergleichen.
Sei spontan: Plane nicht, was du sagen wirst, während andere sprechen. Lass dich von dem berühren, was im Raum entsteht, und sprich dann aus dem Moment heraus.
Sage das Wesentliche: Sei ehrlich und konkret. Vermeide lange Ausschweifungen oder intellektuelle Vorträge. Sag, was gesagt werden muss — nicht mehr.
Der Redestab
Ein physischer Gegenstand — ein Stein, ein Stab, eine Feder — wandert durch den Kreis. Wer den Gegenstand hält, spricht. Alle anderen schweigen. Dieses einfache Prinzip verändert die Dynamik radikal:
- Es verhindert Unterbrechungen
- Es gibt jedem gleich viel Raum
- Es verlangsamt das Tempo
- Es macht Zuhören zur aktiven Praxis
Als Facilitator gibst du den Redestab am Anfang weiter und erklärst: „Solange du den Stein hältst, gehört der Raum dir. Du kannst sprechen, du kannst schweigen, du kannst weinen. Wenn du fertig bist, legst du den Stein in die Mitte oder gibst ihn weiter."
Zeugenschaft ohne Ratschlag
Das Prinzip der Zeugenschaft ist der Kern des Sharing Circles — und gleichzeitig das, was Menschen am schwersten fällt. Wir sind darauf konditioniert, zu reagieren: zu trösten, zu beraten, zu vergleichen, zu relativieren.
Im Sharing Circle gilt: Wir hören zu. Das ist alles.
Erkläre den Teilnehmern vor Beginn:
- „Wir geben keinen Ratschlag — auch wenn wir den Impuls dazu haben."
- „Wir vergleichen nicht — ‚Bei mir war das auch so' ist kein Zuhören, sondern ein Umlenken."
- „Wir bewerten nicht — es gibt kein ‚richtig' oder ‚falsch' in dem, was geteilt wird."
- „Wir halten Emotionen aus — wenn jemand weint, müssen wir es nicht ‚besser machen'."
Sicherheit schaffen — Circle Agreements
Bevor ein Sharing Circle beginnt, etabliere klare Vereinbarungen:
- Vertraulichkeit: Was im Kreis gesagt wird, bleibt im Kreis. Keine Ausnahmen. Keine Zusammenfassungen für Abwesende. Kein Weitererzählen.
- Freiwilligkeit: Niemand muss sprechen. Den Redestab schweigend weiterzugeben ist genauso wertvoll wie zu sprechen.
- Keine Kommentare: Kein Bezugnehmen auf das Gesagte anderer — jeder spricht für sich.
- Respektvoller Umgang: Mit sich selbst und mit anderen.
- Pünktlichkeit: Wer den Kreis betritt, bleibt bis zum Ende. Kein Kommen und Gehen.
Die Rolle des Facilitators im Kreis
Deine Rolle im Sharing Circle ist besonders: Du bist gleichzeitig Teil des Kreises und Hüter des Raumes.
Du eröffnest den Kreis: Mit einer kurzen Einladung, einem Moment der Stille, vielleicht einem gemeinsamen Atemzug. Mach den Übergang vom Alltag in den Kreisraum spürbar.
Du hältst die Vereinbarungen: Wenn jemand beginnt, Ratschläge zu geben, unterbrichst du sanft: „Danke dir — ich erinnere an unser Agreement: Wir hören zu, ohne zu beraten."
Du achtest auf die Gruppe: Wer ist angespannt? Wer hält sich zurück? Wer wird von Emotionen überrollt? Du musst nicht eingreifen — aber du musst aufmerksam sein.
Du schließt den Kreis: Mit Dankbarkeit, mit Stille, vielleicht mit einem gemeinsamen Ritual. Markiere das Ende des geschützten Raumes bewusst.
Peer Support & Integrationsgemeinschaften
Sharing Circles können über das Retreat hinaus weitergeführt werden — als regelmäßige Integrationsgruppen, in denen ehemalige Teilnehmer sich gegenseitig unterstützen. Diese Peer-Netzwerke sind besonders wertvoll, weil sie das Gefühl der Isolation durchbrechen, das viele Menschen nach einer tiefen psychedelischen Erfahrung erleben.
Als Facilitator kannst du solche Netzwerke anregen, aber du musst sie nicht leiten. Gib den Rahmen vor, erkläre die Prinzipien, und vertraue darauf, dass die Gruppe ihre eigene Weisheit hat.
Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Research Context
Die Council-Praxis hat Wurzeln in indigenen Traditionen und wurde von Jack Zimmerman und Virginia Coyle in „The Way of Council" (1996) für westliche Kontexte beschrieben.
Forschung deutet darauf hin, dass Gruppenprozesse in der psychedelischen Integration besonders wirksam sind, weil sie Scham reduzieren und das Gefühl der Zugehörigkeit stärken (Phelps, Journal of Psychoactive Drugs, 2017). Das Erleben, dass andere Ähnliches durchgemacht haben, kann tiefgreifend heilsam wirken.
Exercise
Reflexion:
Erinnere dich an eine Situation, in der du jemandem dein Herz ausgeschüttet hast und die Person einfach zugehört hat — ohne Ratschlag, ohne Bewertung. Wie hat sich das angefühlt? Genau dieses Gefühl möchtest du im Sharing Circle erzeugen.