
Psychedelic Facilitation Training
Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.
What you'll learn
Du verstehst mindestens vier verschiedene Modelle des Bewusstseins und kannst sie in eigenen Worten erklären Du kannst die Relevanz jedes Modells für die psychedelische Begleitung beschreiben Du erkennst, dass kein einzelnes Modell die gesamte Realität psychedelischer Erfahrungen abbildet Du hast ein Grundverständnis des REBUS-Modells und seiner Implikationen für Facilitation
Warum Modelle wichtig sind
Ein Modell des Bewusstseins ist wie eine Landkarte. Es ist nicht das Gebiet selbst — aber es hilft dir, dich zu orientieren. Als Facilitator wirst du Menschen durch Erfahrungen begleiten, die außerhalb ihres normalen Bezugsrahmens liegen. Modelle geben dir Sprache, Orientierung und die Fähigkeit, Erfahrungen einzuordnen — ohne sie zu reduzieren.
Kein einzelnes Modell erklärt alles. Jedes beleuchtet einen anderen Aspekt. Die Kunst liegt darin, zwischen Modellen wechseln zu können und das jeweils hilfreichste für die aktuelle Situation zu wählen.
Das Default Mode Network und die Theorie des entropischen Gehirns
Was ist das Default Mode Network?
Das Default Mode Network (DMN) ist ein Netzwerk von Hirnregionen, das besonders aktiv ist, wenn wir nicht auf eine bestimmte Aufgabe fokussiert sind — also beim Tagträumen, Grübeln, Planen und Selbstreflexion. Es ist eng verbunden mit unserem Selbstgefühl, unserer Autobiographie und unserer Fähigkeit, uns als kohärentes „Ich" zu erleben.
Robin Carhart-Harris und sein Team am Imperial College London zeigten 2012, dass Psilocybin die Aktivität im DMN signifikant reduziert. Dies korrelierte mit subjektiven Berichten von Ego-Auflösung — dem Gefühl, dass die Grenzen des Selbst sich auflösen.
Die Theorie des entropischen Gehirns
Carhart-Harris (2014) schlug vor, dass das Bewusstsein auf einem Spektrum von Ordnung zu Entropie (Unordnung) existiert:
- Hohe Ordnung (niedriger Entropie-Zustand): Starres, eingefahrenes Denken. Obsessionen, Zwänge, Depression. Das DMN ist überaktiv und dominant.
- Hohe Entropie: Flexibles, kreatives, offenes Denken. Psychedelische Zustände, Flow-Erfahrungen, kindliches Staunen. Das DMN ist weniger dominant, und mehr Hirnregionen kommunizieren frei miteinander.
- Zu hohe Entropie: Psychose, Kontrollverlust, Überwältigung.
Für die Facilitation bedeutet das: Psychedelika öffnen ein Fenster der Flexibilität. Deine Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem diese Flexibilität genutzt werden kann — ohne ins Chaos zu kippen.
Das REBUS-Modell
Relaxed Beliefs Under Psychedelics
2019 veröffentlichten Carhart-Harris und Karl Friston (der Begründer der einflussreichen Free-Energy-Theorie) das REBUS-Modell — „Relaxed Beliefs Under Psychedelics". Es ist das bisher umfassendste neurowissenschaftliche Modell psychedelischer Wirkung.
Die Kernidee: Unser Gehirn arbeitet wie eine Vorhersagemaschine. Es hat im Laufe des Lebens „Überzeugungen" (im technischen Sinne — nicht nur bewusste Gedanken, sondern tief verankerte neuronale Muster) aufgebaut, die bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Diese Überzeugungen filtern, interpretieren und formen unsere Erfahrung.
Psychedelika lockern diese Überzeugungen. Sie reduzieren den Einfluss der gelernten Vorhersagen und erlauben es, Erfahrungen weniger gefiltert zu erleben. Das ist, als würdest du eine Brille abnehmen, die du so lange getragen hast, dass du vergessen hast, dass du sie trägst.
Implikationen für die Facilitation
Das REBUS-Modell erklärt, warum:
- Set und Setting so entscheidend sind: Wenn erlernte Überzeugungen gelockert werden, wird der Mensch empfänglicher für äußere Einflüsse
- Integration so wichtig ist: Die gelockerten Überzeugungen können sich nach der Erfahrung neu formieren — aber in welche Richtung, ist nicht automatisch positiv
- Jede Erfahrung einzigartig ist: Welche Überzeugungen gelockert werden, hängt von der individuellen Geschichte ab
Stanislav Grofs Kartographie des Bewusstseins
Die drei Ebenen
Grof entwickelte aus Tausenden begleiteter Sitzungen eine Systematik psychedelischer Erfahrungen in drei Hauptebenen:
1. Biographische Ebene Erfahrungen, die mit persönlichen Erinnerungen zusammenhängen — Kindheit, Beziehungen, Verluste, Freuden. Diese Ebene ist relativ leicht zugänglich und für die meisten Menschen nachvollziehbar.
2. Perinatale Ebene Erfahrungen, die mit dem Prozess der Geburt und des Sterbens zusammenhängen. Grof beschrieb vier „Perinatale Matrizen" — Erfahrungsmuster, die Aspekte des Geburtsprozesses widerspiegeln:
- BPM I: Erfahrungen kosmischer Einheit, ozeanischer Grenzenlosigkeit (entspricht dem Zustand im Mutterleib vor den Wehen)
- BPM II: Erfahrungen von Eingesperrtsein, Hoffnungslosigkeit, kosmischem Verschlungen-Werden (entspricht dem Beginn der Wehen bei noch geschlossenem Muttermund)
- BPM III: Kampf, Todesangst, aber auch titanische Kraft und Aggression (entspricht der Passage durch den Geburtskanal)
- BPM IV: Tod-Wiedergeburt-Erfahrungen, Befreiung, Erleuchtung (entspricht dem Moment der Geburt)
3. Transpersonale Ebene Erfahrungen, die über die individuelle Biographie hinausgehen: Identifikation mit anderen Lebewesen, vergangene Leben, archetypische Bilder, kosmische Einheitserfahrungen.
COEX-Systeme
Grof prägte auch den Begriff der COEX-Systeme (Systems of Condensed Experience) — Cluster von Erinnerungen und Emotionen, die um ein gemeinsames Thema oder eine gemeinsame Emotion organisiert sind. In einer psychedelischen Erfahrung kann ein solches System aktiviert werden, und die Person erlebt dann eine Kaskade von zusammenhängenden Erinnerungen und Emotionen.
Relevanz für die Facilitation
Grofs Modell hilft dir als Facilitator, Erfahrungen einzuordnen, ohne sie zu pathologisieren. Wenn jemand intensive Geburts- oder Todeserfahrungen macht, ist das kein Zeichen von Pathologie — es ist ein normaler Teil des psychedelischen Erfahrungsspektrums.
Mystische Erfahrungen und Peak Experiences
Die mystische Erfahrung
Der Philosoph Walter Stace (1960) definierte Kernmerkmale mystischer Erfahrungen, die Ralph Hood später in die „Mysticism Scale" übersetzte — ein Fragebogen, der in der psychedelischen Forschung breit eingesetzt wird:
- Einheitserfahrung: Das Gefühl, mit allem verbunden zu sein
- Noetische Qualität: Die Überzeugung, eine tiefe Wahrheit erkannt zu haben
- Heiligkeit: Ein Gefühl des Ehrfürchtigen und Heiligen
- Positive Stimmung: Tiefe Freude, Frieden, Liebe
- Transzendenz von Raum und Zeit: Das Gefühl, außerhalb normaler zeitlicher und räumlicher Grenzen zu existieren
- Unaussprechlichkeit: Die Erfahrung lässt sich nicht vollständig in Worte fassen
Maslows Peak Experiences
Abraham Maslow (1964) beschrieb „Peak Experiences" als Momente höchster Erfüllung, Kreativität und Verbundenheit. Er sah sie als natürliche menschliche Fähigkeit — nicht als Symptom einer Störung und nicht als ausschließlich religiöses Phänomen.
Maslows Arbeit ist für die Facilitation besonders relevant, weil sie psychedelische Erfahrungen in einen humanistischen Rahmen stellt: Es geht um menschliches Potenzial, nicht um Pathologie oder Dogma.
Modelle als Werkzeuge, nicht als Wahrheiten
Alle diese Modelle sind Vereinfachungen. Das Bewusstsein — ob verändert oder nicht — ist komplexer als jede Theorie es abbilden kann. Deine Aufgabe als Facilitator ist nicht, ein Modell als „das richtige" zu vertreten, sondern flexibel zwischen Modellen wechseln zu können, je nachdem, was der Mensch vor dir gerade braucht.
Manchmal hilft die neurowissenschaftliche Sprache des REBUS-Modells. Manchmal ist Grofs Kartographie hilfreicher. Manchmal braucht es die schlichte Sprache der mystischen Erfahrung. Und manchmal braucht es gar keine Modelle — sondern einfach Präsenz.
Research Context
Forschung deutet darauf hin, dass psychedelische Erfahrungen mit einer vorübergehenden Reduktion der Aktivität im Default Mode Network (DMN) einhergehen.
Carhart-Harris und Friston, 2019 — Das REBUS-Modell (Relaxed Beliefs Under Psychedelics) schlägt vor, dass Psychedelika die Dominanz erlernter Überzeugungen lockern und so neue Erfahrungsweisen ermöglichen — ein Rahmenwerk, das erklärt, warum psychedelische Erfahrungen so transformativ sein können.
Exercise
Übung zur Modellreflexion:
Denke an eine intensive Erfahrung in deinem Leben — ob psychedelisch oder nicht. Versuche, sie durch die Linse von drei verschiedenen Modellen zu beschreiben: (1) Grofs Kartographie — welcher Ebene würdest du die Erfahrung zuordnen? (2) Maslows Peak Experience — erfüllt sie die Kriterien? (3) REBUS — welche „Überzeugungen" wurden möglicherweise gelockert?
Beobachte, wie jedes Modell andere Aspekte betont.