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Psychedelic Facilitation Training — Umfassende Ausbildung für professionelle psychedelische Begleitung.

Psychedelic Facilitation Training

Die umfassende Ausbildung für angehende psychedelische Facilitatoren. Von ethischer Haltung über Substanzkunde und Krisenintervention bis hin zu Integration und Gruppenarbeit — 14 Module für professionelle Begleitung.

What you'll learn

  • Du kannst eine strukturierte medizinische Anamnese im Kontext psychedelischer Begleitung durchführen
  • Du erkennst absolute und relative Kontraindikationen
  • Du weißt, wie du medizinische Fragen sensibel und professionell stellst
  • Du verstehst die wichtigsten Medikamentengruppen und ihre Relevanz

Warum medizinische Anamnese wichtig ist

Als Facilitator bist du kein Arzt. Das muss ganz klar sein — und das ist auch gut so. Aber du bist jemand, der Menschen in einen veränderten Bewusstseinszustand begleitet, der reale körperliche Auswirkungen hat. Psychedelika erhöhen vorübergehend Herzfrequenz und Blutdruck, beeinflussen die Temperaturregulation, können Übelkeit auslösen und interagieren mit bestimmten Medikamenten auf gefährliche Weise.

Deshalb brauchst du ein Grundverständnis medizinischer Anamnese — nicht um zu diagnostizieren, sondern um die richtigen Fragen zu stellen und zu wissen, wann du jemanden an einen Arzt verweisen musst.

Familiengeschichte: Was du wissen musst

Die Familiengeschichte ist einer der wichtigsten — und am häufigsten übersehenen — Bereiche im Screening. Viele psychische Erkrankungen haben eine genetische Komponente, und psychedelische Erfahrungen können bei prädisponierten Personen latente Zustände auslösen.

Psychotisches Spektrum: Frag nach Schizophrenie, schizoaffektiver Störung oder psychotischen Episoden in der Familie. Wenn ein Elternteil oder Geschwisterkind betroffen ist, steigt das Risiko einer substanzinduzierten Psychose erheblich. In den meisten klinischen Studien ist eine Familiengeschichte von Psychosen ein Ausschlusskriterium — und das sollte auch für dein Retreat gelten.

Bipolare Störung: Bipolare Störung in der Familie — insbesondere Typ I mit manischen Episoden — ist ein weiterer wichtiger Risikofaktor. Psychedelika können manische Episoden auslösen, besonders bei Menschen mit genetischer Prädisposition.

Schwere Depression: Eine Familiengeschichte schwerer Depression allein ist kein Ausschlusskriterium, aber ein Faktor, der mehr Aufmerksamkeit erfordert. Frag nach dem aktuellen Zustand der Person und ob sie derzeit professionelle Unterstützung erhält.

Persönliche Krankengeschichte

Kardiovaskuläre Erkrankungen: LSD und Psilocybin erhöhen vorübergehend Blutdruck und Herzfrequenz. Bei gesunden Menschen ist das kein Problem. Bei Menschen mit unkontrolliertem Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit oder nach einem Herzinfarkt kann es gefährlich werden.

Frag konkret:

  • „Hast du eine bekannte Herzerkrankung?"
  • „Nimmst du Medikamente für Bluthochdruck?"
  • „Hattest du jemals einen Herzinfarkt oder Schlaganfall?"

Neurologische Erkrankungen: Epilepsie ist besonders relevant. Obwohl die Datenlage dünn ist, gibt es theoretische Bedenken, dass psychedelische Substanzen die Anfallsschwelle verändern könnten. Frag nach Epilepsie, Krampfanfällen und anderen neurologischen Diagnosen.

Endokrine Erkrankungen: Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes und andere hormonelle Störungen können die Reaktion auf psychedelische Substanzen beeinflussen. Besonders relevant ist Diabetes im Zusammenhang mit längeren Sitzungen, in denen Nahrungsaufnahme und Blutzuckermanagement eingeschränkt sein können.

Aktuelle Medikation: Der kritischste Bereich

Medikamenteninteraktionen sind der Bereich, in dem Screening buchstäblich lebensrettend sein kann. Die folgenden Medikamentengruppen erfordern besondere Aufmerksamkeit:

SSRIs (Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer): Citalopram, Sertralin, Fluoxetin, Paroxetin und andere. SSRIs blockieren die Wiederaufnahme von Serotonin und verändern die Rezeptordynamik. In Kombination mit Psychedelika können sie die Wirkung deutlich abschwächen oder — seltener — das Risiko eines Serotonin-Syndroms erhöhen. Ein abruptes Absetzen von SSRIs vor einem Retreat ist gefährlich und muss immer unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

MAOIs (Monoaminoxidase-Hemmer): Moclobemid, Tranylcypromin und andere. MAOIs in Kombination mit serotonergen Substanzen können ein lebensgefährliches Serotonin-Syndrom auslösen. Dies ist eine absolute Kontraindikation, die keine Ausnahmen kennt.

Lithium: Lithium in Kombination mit LSD ist eine absolute Kontraindikation. Es gibt Berichte über schwere Krampfanfälle und andere lebensbedrohliche Reaktionen. Frag immer explizit nach Lithium.

Allergien und Sensitivitäten

Frag nach bekannten Allergien — nicht nur gegen Medikamente, sondern auch gegen Nahrungsmittel und Umweltfaktoren. In einem Retreat-Setting, wo möglicherweise gemeinsam gekocht wird und Menschen in einem vulnerablen Zustand sind, ist dieses Wissen wichtig.

Wie du sensibel fragst, ohne klinisch zu wirken

Das Stellen medizinischer Fragen kann sich für beide Seiten unangenehm anfühlen. Die Person fühlt sich möglicherweise wie in einer Arztpraxis, und du fühlst dich möglicherweise unsicher in der Rolle. Hier sind Strategien, um das Gespräch warm und professionell zugleich zu gestalten:

Kontext geben: „Ich frage das nicht, weil ich misstrauisch bin — sondern weil ich sicherstellen will, dass diese Erfahrung für dich so sicher wie möglich ist."

Offene Fragen bevorzugen: Statt „Hast du psychische Probleme?" lieber: „Gibt es etwas in deiner gesundheitlichen Geschichte — körperlich oder psychisch —, das ich wissen sollte, um gut für dich sorgen zu können?"

Normalisieren: „Viele Menschen nehmen Medikamente oder haben gesundheitliche Themen. Das ist kein Grund zur Scham. Aber manche Medikamente vertragen sich nicht mit psychedelischen Substanzen, deshalb frage ich."

Klarheit über deine Rolle: „Ich bin kein Arzt. Aber ich brauche diese Informationen, um einschätzen zu können, ob und wie ich dich sicher begleiten kann. Bei bestimmten Konstellationen werde ich dich bitten, vorher deinen Arzt zu konsultieren."

Red Flags und absolute Kontraindikationen

Absolute Kontraindikationen (Teilnahme ausgeschlossen):

  • Aktive Psychose oder psychotische Episode in der Vorgeschichte
  • Familiengeschichte von Schizophrenie (erstgradig)
  • Aktuelle Einnahme von Lithium
  • Aktuelle Einnahme von MAOIs
  • Unkontrollierte schwere kardiovaskuläre Erkrankung
  • Schwangerschaft
  • Akute Suizidalität

Relative Kontraindikationen (Einzelfallentscheidung, ärztliche Klärung empfohlen):

  • Bipolare Störung (auch in Remission)
  • Aktuelle SSRI-Einnahme
  • Epilepsie
  • Schwere Angststörungen
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung (nicht als Diagnose, aber als Awareness)
  • Komplexe Traumageschichte ohne therapeutische Begleitung

Bei relativen Kontraindikationen gilt: Im Zweifel nicht allein entscheiden. Arbeite mit einem Netzwerk aus Ärzten und psychologischen Fachleuten zusammen.

Psychedelische Retreats ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Die medizinische Anamnese im Rahmen eines Retreats ist kein diagnostisches Verfahren.

Research Context

Forschung deutet darauf hin, dass kardiovaskuläre Ereignisse bei klassischen Psychedelika extrem selten sind, jedoch bei Personen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein erhöhtes Risiko darstellen können. Die sympathomimetischen Effekte (Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg) sind in der Regel mild, können aber bei prädisponierten Personen klinisch relevant werden.

Holze et al., 2022

Exercise

Praktische Übung:

Erstelle eine Liste der fünf wichtigsten medizinischen Fragen, die du in einem Screening-Gespräch stellen würdest. Ordne sie nach Priorität.

Formuliere jede Frage einmal „klinisch" und einmal „warmherzig" — beobachte den Unterschied in der Wirkung.