
Psychedelische Vorbereitung
Umfassender Vorbereitungskurs für dein psychedelisches Retreat. Von der inneren Standortbestimmung über Set & Setting bis hin zu Atemtechniken und mentaler Vorbereitung — alles, was du vor deiner Erfahrung wissen und üben solltest.
What you'll learn
Du verstehst die Rolle des Default Mode Networks im Alltag Du weißt, warum die vorübergehende Abschwächung des DMN neue Perspektiven ermöglichen kann
Das Netzwerk, das nie schweigt
In deinem Gehirn gibt es ein Netzwerk, das aktiv wird, wenn du nichts Bestimmtes tust. Wenn du nicht rechnest, nicht liest, nicht einem Gespräch folgst — wenn du einfach nur „da bist". Dieses Netzwerk heißt Default Mode Network, kurz DMN.
Das DMN wurde 2001 von Marcus Raichle und Kollegen entdeckt. Es war ein Zufallsbefund: In Hirnscans zeigte sich ein Netzwerk, das genau dann aktiv wurde, wenn Versuchspersonen gerade keine Aufgabe bearbeiteten.
Was das DMN tut
Das DMN ist zuständig für:
- Selbstbezogenes Denken: „Wer bin ich? Was denke ich über mich? Wie sehen andere mich?"
- Autobiografische Erinnerungen: Deine Lebensgeschichte, die du dir selbst erzählst
- Zukunftsplanung: „Was muss ich morgen tun? Wie wird das Meeting laufen?"
- Soziale Kognition: „Was denkt sie wohl über mich?"
- Mentales Wandern: Das gedankliche Abschweifen, das etwa 50% deiner wachen Zeit ausmacht (Killingsworth & Gilbert, 2010)
In einem Satz: Das DMN ist dein innerer Erzähler. Es erzählt die Geschichte von „Ich" — wer du bist, was dir passiert ist, was als Nächstes kommt.
Wenn der Erzähler zum Problem wird
Ein funktionierendes DMN ist nützlich. Du brauchst es, um dich selbst als Person über die Zeit hinweg zu erleben, um zu planen, um soziale Situationen einzuschätzen.
Aber das DMN kann auch überaktiv werden. Und das sieht so aus:
- Rumination: Derselbe Gedanke dreht sich im Kreis. „Warum habe ich das gesagt? Was ist falsch mit mir?"
- Starre Selbstbilder: „Ich bin eben so. Ich war schon immer so. Das wird sich nie ändern."
- Übermäßige Selbstbezogenheit: Alles wird durch die Linse von „Ich" betrachtet
- Grübeln über die Zukunft: Katastrophenszenarien, Sorgen, Ängste
Forschung deutet darauf hin, dass ein überaktives DMN mit Depression und Angststörungen zusammenhängt (Whitfield-Gabrieli & Ford, 2012). Nicht als Ursache, aber als Muster, das diese Zustände begleitet und verstärkt.
Was Psychedelika mit dem DMN machen
Hier wird es relevant für dich.
Bildgebungsstudien zeigen konsistent: Unter Psychedelika wird die Aktivität des DMN deutlich reduziert (Carhart-Harris et al., 2012; Palhano-Fontes et al., 2015).
Was bedeutet das konkret?
- Der innere Erzähler wird leiser. Die Geschichte von „Ich" tritt in den Hintergrund.
- Starre Denkmuster lockern sich. Gedankenschleifen, die sich sonst endlos wiederholen, können unterbrochen werden.
- Neue Verbindungen entstehen. Wenn die gewohnten Autobahnen im Gehirn ruhiger werden, bekommen die Nebenstraßen mehr Verkehr.
Viele Teilnehmer beschreiben das als Perspektivwechsel: Probleme, die sich unlösbar anfühlten, erscheinen plötzlich in neuem Licht. Nicht weil sie verschwinden, sondern weil du sie aus einem anderen Blickwinkel siehst.
Die Entropic Brain Hypothesis
Robin Carhart-Harris formulierte 2014 eine Hypothese, die das zusammenfasst: Im Normalzustand ist dein Gehirn relativ geordnet — es bewegt sich auf bekannten Bahnen. Unter Psychedelika steigt die Entropie — die Unordnung. Das Gehirn wird flexibler, offener, weniger vorhersagbar.
Das klingt chaotisch. Ist es auch — bis zu einem Punkt. Aber in diesem kontrollierten Chaos liegt die Möglichkeit, alte Muster zu durchbrechen und neue Sichtweisen zu entwickeln.
Was das für deine Vorbereitung bedeutet
Wenn du weißt, dass Psychedelika deinen inneren Erzähler leiser machen:
- Lerne deinen Erzähler vorher kennen. Was sind seine Lieblingsgeschichten? (Dazu kommt Modul 3.)
- Erwarte keinen völligen Kontrollverlust. Das DMN wird leiser — nicht ausgeschaltet.
- Verstehe, dass die Erfahrung vorübergehend ist. Dein DMN kommt zurück. Dein Ich-Gefühl kehrt zurück.
Die Frage ist: Was nimmst du mit, wenn der Erzähler wieder anfängt zu sprechen?
Research Context
Die „Entropic Brain Hypothesis" besagt: Psychedelika erhöhen die Entropie (Unordnung) der Hirnaktivität, was das Gehirn vorübergehend flexibler und weniger in Mustern gefangen macht. Diese Hypothese wird seither von mehreren unabhängigen Forschungsgruppen untersucht und weiterentwickelt.
Exercise
Übung: Deinen inneren Erzähler beobachten (15 Min)
Sitz 10 Minuten still und beobachte, welche Geschichte dein Kopf erzählt.
- Bewertet er gerade etwas? („Das ist langweilig", „Ich mach das falsch")
- Plant er? („Nachher muss ich noch…")
- Erinnert er sich? („Letzte Woche war…")
- Vergleicht er? („Andere sind weiter als ich")
Das ist dein DMN bei der Arbeit. Schreib die häufigsten „Geschichten" auf. Kein Urteil — nur Beobachtung.